Geografische Vorstellungsrunde

Das hier ist Berlin.

Eines der nicht-so-ganz-angesagten Viertel; eines, in dem die Häuser in den letzten Jahren erst saniert wurden und die Mieten seitdem erst steigen. Das traditionelle Gemenge aus Senioren, alternden Kleingartenfreunden, selbständigen Gewerbetreibenden, kaputten Familien auf Harz IV in zu kleinen Wohnungen und heilen Familien, die eine günstige Bleibe für die ersten Jahre mit dem ersten Kind brauchen, bevor sich – vielleicht – eine Gelegenheit zum Hausbau ergibt, beginnt sich langsam zu verändern. Jünger Leute kommen. Leute mit höheren Gehältern. Studenten.

Es gibt ein Café – noch nicht sehr lange – aber kein Kino. Bäcker und Friseure, aber keine Kleiderläden. Ein griechisches Restaurant, aber kein indisches. Keinen Biomarkt, aber – ein Hauch von Gentrifizierung auch hier – DM wird eröffnen.

Hier lebe ich. Manchmal alleine. Manchmal – eigentlich etwas mehr als die Hälfte der Zeit – mit meinen beiden Söhnen.

Wo ich arbeite, ist auch Berlin, nur alles ein bisschen feiner. Die Mieten verlangen nach Doppelverdiener-Akademikerfamilien, die gesund ernährten Kinder besuchen Montessori-Kitas und Privatschulen. Dicke Teppiche liegen in den Treppenhäusern der schönen Altbauten. Auch das Firmengebäude ist schön. In einem Büro mit Morgensonne stelle ich meinem Unternehmen meine mathematischen und analytischen Fähigkeiten zur Verfügung – gegen meinen Lebensunterhalt, unkompliziert flexible Arbeitszeiten und (banal, aber praktisch) die Möglichkeit, in der Kantine zu essen, die gerne Betriebsrestaurant genannt werden möchte.

Nur drei Türen von meinem Zuhause entfernt wohnt der Vater meine Söhne. Manchmal alleine. Manchmal – eigentlich fast die Hälfte der Zeit – sind unsere Kinder bei ihm. Wir reden miteinander: über Arzttermine, Sportvereine, Schulausflüge und wer den Heiligen Abend ausrichtet. Wir bringen einander – das haben wir in 13 Jahren zur Perfektion gebracht – auf die Palme, auch mehr als zwei Jahren nach unserer Trennung noch. Wir streiten. Manchmal sind wir auch freundlich zueinander. Wir wollen, dass unsere Söhne uns beide lieben dürfen. Wir wollen, dass der Schmerz darüber, dass Mama und Papa nicht zusammen wohnen, für beide erträglich bleibt. Ich weiß nicht, ob uns das gelingt.

Zu Fuß in einer Viertelstunde – zurück in einer Stunde, wenn wir alle von einem langen Tag erschöpft sind – sind die Schule meines Siebenjährigen und die Kita meines Dreijährigen zu erreichen.

Ungefähr 300 Kilometer entfernt von hier lebt meine Familie. Mein Vater, meine Schwestern mit ihren Männern und ihren großartigen großen Töchtern. Wir telefonieren. Wir besuchen einander. Aber eigentlich ist es zu weit weg, die ganze Zeit.

13 Kilometer von mir entfernt – Luftlinie – macht einer, der mal sehr wichtig war, gerade einen Neuanfang. Auch das ist Berlin, aber gleichzeitig ein sehr, sehr ferner Ort. Sein Neuanfang hätte unser gemeinsamer Neuanfang sein können. Aber es ist anders gekommen.

Und in einer ganz anderen Richtung – aber auch das ist Berlin, der Teil, in dem die coolen Leute wohnen, diejenigen, die Kinderwagen im Wert ganzer Monatsgehälter durch die Straßen schieben; im Biosupermarkt einkaufen, weil es eine Frage des Lifestyles ist; und die tendenziell kreativen Tätigkeiten nachgehen, die sich in schicken Cafés am Laptop ausüben lassen  – habe ich Tanztraining, einen Abend lang jede Woche, in einer Turnhalle. Tanzen ist mein Geheimrezept: um meinen Kopf leer zu machen, ihn über Wasser zu halten und glücklich zu sein.

Das sind die Orte, an denen mein Leben sich abspielt – und die Orte, an denen mein Herz sich manchmal aufhält, auch wenn ich nicht dort bin. Die wichtigsten Orte. Einige der wichtigsten Orte. Fast alle verbunden durch die chronisch unzuverlässige Berliner S-Bahn, über die ich schreiben werde, wenn mir sonst nichts einfällt.

Ach ja: Wieso ich hier überhaupt schreibe?

Irgendwo in meinem Kopf steckt dieses Bild von einem großen Büchertisch mit Stapeln eines Bestsellers, auf dem mein Name – oder ein hübsches Pseudonym – steht. Die Idee vom Schreiben habe ich schon furchtbar lange. Jetzt möchte ich es probieren, diese seltsame Art von Tagebuch zu führen, an dem andere teilhaben dürfen. Weil ich es sonst vielleicht nie ausprobiere.

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3 Gedanken zu „Geografische Vorstellungsrunde

  1. MeinWald

    Ich entdecke gerade so nach und nach die anderen Artikel. Sehr unterhaltsam geschrieben!
    Ich freue mich sehr über die Entdeckung Deines Blogs(bei Sonja).
    Mach weiter so, sonst bekomme ich Entzugserscheinungen 😉
    Ich finde auch Parallelen, sprich Trennung von meinem Ex-Mann vor 4 Jahren nach 13 Jahren,der auch ein paar Türen weiter wohnt. Mit neuer Freundin, die die Schwester meines heutigen Partners ist . Komplizierte Konstellation für alle, auch wenn wir es so lustig und locker versuchen zu nehmen, wie es geht. Mein Baby welches vor einem Jahr in diesen Patchwork hineingeboren wurde, ist der Kern dieser ganzen Verbindungen und Verstrickungen…

    Ich amüsiere mich über Deine humoristische Art deinen Alltag herüberzubringen. Da sehe ich auch meinen mit einem bisschen mehr Abstand 😀

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    1. gretainberlin Autor

      Das finde ich sehr schön, zu wissen, dass Du auch in einer komplizierten Konstellation lebst. Man lebt damit, lacht über die unvermeidlich gemischten Gefühle und macht das Beste draus… Liebe Grüße zurück und alles Gute für Euch alle!

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