60 Kilometer bis zum Rand der Zivilisation

Noch mehr Geografie: Ich war noch nie in der Uckermark. Noch nie, bevor ich mit meinen Kindern und einer Freundin dort in diesem Herbst ein paar Tage verbracht habe. Eigentlich ist das garnicht weit von hier: man fährt S-Bahn bis zu einer kleinen Station ziemlich weit im Norden und fragt sich noch, ob man irgendetwas durcheinandergebracht hat (weil es ganz offensichtlich kein Regionalbahngleis gibt), wenn plötzlich in den 10 Minuten, bevor die nächste S-Bahn Richtung Norden verkehrt, eine dieser klitzekleinen Privatbahnen auf das S-Bahn-Gleis einschwenkt und am Bahnsteig hält. – Mein Weltbild erschüttert: Fahren Regionalbahnen und S-Bahnen nicht grundsätzlich mit unterschiedlicher Schienenbreite – einfach, um versehentliches Abbiegen von S-Bahnen auf Fernbahnstrecken zu vermeiden und die Dinge ein wenig komplizierter zu machen?

30 Minuten bis zum Endbahnhof der kleinen Bahn. Dann kommt man nur noch mit dem Taxi weiter, zum Glück gibt es eins, oder jedenfalls: einen Mann, der einen Reiterhof betreibt und die Marktlücke mit seinem Kleinbus füllt. Kurz nach dem Ortsausgang gab es kein Handynetz mehr. Nur noch uns – und die Natur – und die Hoffnung, dass die Freunde, die uns zugesagt hatten, uns zu besuchen und die notwendigen Lebensmittel für unsere zwei Selbstversorger-Mahlzeiten pro Tag mitzubringen, uns nicht im Stich lassen würden.

Wir hatten ein Häuschen; einen dieser typischen DDR-Bungalows, schön saniert und zu meiner unendlichen Erleichterung heizbar – Teil einer Ferienanlage, mitten im Wald. Den wir erst einmal ignorierten, um all das auszuprobieren, was es auf dem Gelände zu tun gab: Tischtennis. Minigolf. Federball. Fußball. Billard. Kicker! Kurz bevor ich einen Lagerkoller bekam (für mich ist Urlaub ziemlich fest mit der Vorstellung verbunden, „raus ans Meer“ gehen zu können, oder jedenfalls: rausgehen zu können – und das Gefühl stellte sich auf der Ferienanlage zwischen den probenden Chören, den Behindertenfreizeitteilnehmern und den wie wir erholungssuchenden, aber mehr dem gängigen Papi-Mami-Kinder-Schema entsprechenden Einzelfamilien nicht ein) – kurz bevor ich mich also ernsthaft eingesperrt zu fühlen begann, wagten wir uns dann doch in den Wald, der – unvorstellbar für uns Großstädter – gleich auf der anderen Straßenseite anfing: voller Hufspuren von Damhirschen und Rehen und voller Wühlstellen von Wildschweinen und voller Biss-Stellen von Rothirschen und Scheuerstellen von Keilern an den Kiefernstämmen und voller immer wieder von all diesen Tieren kleingeknabberter Buchensprösslinge, wie uns ein Wildtierbiologe auf einer kleinen Führung zeigte und erläuterte.

Tatsächlich wird das große Naturreservat in der Choriner Heide auf der Informationstafel an der Ferienanlage als das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas bezeichnet. Nicht nur Hirsche und Rehe leben dort; nicht nur Wildschweine und Füchse streichen nachts um die Ferienhäuser – auch Wölfe und Elche sind inzwischen von Osten her in die weitgehend sich selbst überlassenen Wälder eingewandert und werden heimisch. Die Gefahr, beim Spazierengehen auf ein Wildschwein bei der Mittagsruhe zu stoßen, bestand allerdings nicht – „leise“ ist für meine Kinder ein ausschließlich theoretischer Begriff und all die Tiere sind eher lärmempfindlich – und so mussten wir uns mit den Lebensformen begnügen, die vor den durchdringenden Rufen meiner Kinder nicht ins tiefe Dickicht fliehen konnten: Wir sammelten Pilze. Und Beeren!

Ein erster Spaziergang im falschen Waldstück führte zu einem Selbstversuch mit extrem schönen Röhrenpilzen, kräftig und wohlriechend, mit rotem Stiel und rotbraunen Kappen. Bei näherer Betrachtung gehörten die Pilze nicht zu einer Art, die ich kannte – waren aber so prachtvoll, dass mein Unwille, all diese voller Begeisterung (meine Freundinnen in der felsenfesten Überzeugung, dass ich wüsste, was ich da finde, und ich in der Annahme, dass sie wüssten, was sie da unter Ah- und Oh-Rufen abschneiden) gesammelten Pilze wegzuwerfen, am Ende größer war als das nach einem ausführlichen Telefonat mit meinem pilzerfahrenen Vater (in Anwesenheit eines Pilzbuches und über eine extrem schlechte Handyverbindung) noch bestehende Restrisiko, uns Verdauungsbeschwerden einzuhandeln… Die wir dann auch bekamen.

Glücklicherweise entdecken wir am nächsten Tag das richtige Waldstück; das mit den Maronen, mit den Blaubeeren und mit den Preiselbeeren, alle dicht an dicht und so nahe, dass auch mein Dreijähriger schon die eineinhalb Stunden mithalten konnte, die wir jeden Tag im Wald verbrachten, um Maronen für ein kleines Abendessen und genug Beeren für einen Topf Kompott zum Pudding einzusammeln.

Glücksmomente: zwischen den verrottenden Ästen in einer sonnigen Waldschneise nicht nur eine, sondern gleich drei oder vier braune Pilzkappen zu entdecken. Zu sehen, wie mein Siebenjähriger fachkundig mit dem Taschenmesser hantiert, um die Pilze abzuschneiden. Schritt für Schritt zwischen den Blaubeersträuchern immer neue dicke, reife Beeren zu entdecken. Meinem Dreijährigen die Tupperdose hinzuhalten, in die er stolz die zwei Blaubeeren legt, die er selber gepflückt hat. Einer großen Kreuzspinne zuzusehen, die unermüdlich die Lücken in ihrem Netz ausfüllt und dabei geschickt mit ihrem zusätzlichen Paar Hinterbeine den Faden handhabt; dabei meine Kinder zu hören, wie sie eine alte Waldhütte aus großen Stämmen und Ästen weiterbauen. Vor unserem Häuschen zu sitzen, in einer kostbaren ruhigen Minute, in der beide Kinder Mittagsschlaf halten, in einem Sonnenfleck, gerade groß genug für mein Gesicht, während gelegentliche Windstöße goldene Birkenblätter wirbeln lassen.

Wir werden wieder hinfahren. Jedenfalls wenn wieder genug Freunde Lust haben, uns Essen vorbeizubringen…

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2 Gedanken zu „60 Kilometer bis zum Rand der Zivilisation

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