Wechselmodell

Montagmorgen. Halb sechs klingelt mein Wecker. Ich bereite Schulfrühstück und Schulvesper für meinen Siebenjährigen vor. Decke den Tisch. Zwischendurch wird mein Dreijähriger wach. Erst mal kuscheln. Gehe mich waschen, wecke den Siebenjährigen. Frühstück. Suche den beiden Sachen raus. Zähneputzen, Losgehen. Heute muss der Kleine zum Arzt, das macht netterweise sein Papa. Ich liefere ihn dort ab und bringe den Siebenjährigen zur Schule. Wir gehen am herbstlichen Kanal lang, der wilde Wein an den Ufern hat tiefrote Blätter bekommen. Laub treibt im Wasser. Mein Sohn möchte den letzten Teil des Weges alleine gehen; ich stehe mit Herzklopfen an der Ecke, an der ich mich von ihm verabschiedet habe. Es ist schwer, nicht hinterherzugehen, darauf zu vertrauen, dass er an der Straße vor der Schule aufpasst, er und all die Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen und ohne Rücksicht auf andere Kinder bis vor den Eingang rasen.

Loslassen ist schwer.

Montagnachmittag. Ich laufe von irgendwoher nach Hause, allein. Eine Ausfallstraße entlang, an alten Industrieanlagen vorbei (das sind stillgelegte Glücksfabriken, hat einer, der wichtig war, mal gesagt); durch die Stadt, die heute hinter einem Grauschleier liegt, eingehüllt in meine warme Jacke und mein Beschützertuch und einen Kokon aus Traurigkeit.

Als es absehbar wurde, dass mein damaliger Partner – der Vater meiner Kinder – und ich nicht weiter zusammen wohnen würden, kam er eines Tages von einer dieser Männerberatungen nach Hause, wild entschlossen, seine Väterrechte gegen eine dominante Mutter zu verteidigen, die nichts anderes im Sinn haben konnte, als ihm seine Söhne zu entfremden. „Ich werde kein Wochenendclown!“ rief er mir entgegen; „Ich will ein Wechselmodell!“ Ich dachte darüber nach und stimmte zu. Meine Kinder brauchen ihren Vater: es sind Jungen.

Ich frage mich oft, wie unsere Söhne sich später einmal an ihre Kindheit erinnern werden. Werden sie es als Bereicherung sehen können, zwei Zuhause gehabt zu haben? Oder werden sie ein Gefühl von Heimatlosigkeit mit ins Leben nehmen, von Abgeschobenwerden, immer unterbrochenen Spielen, immer unterbrochenen Beziehungen, einen unheilbaren Schmerz über ihre Eltern, die miteinander nicht leben konnten?

Was mir damals nicht klar war, war, dass auch ich vom Zeitpunkt der Trennung an in einem Wechselmodell leben würde. Zunächst war da auch nur ein Gefühl von Erleichterung: Klare Zeiten, in denen die Verantwortung für die Kinder nicht bei mir lag. Alleinsein. Das Wegfallen des Ärgers über Kleinigkeiten, des Zorns über meine Einsamkeit in unserem gemeinsamen Leben.  Dann begann ich meine Kinder zu vermissen und zu spüren, dass ich die leere Zeit gestalten musste. Kurz bevor die Zimmerdecken mich erdrückten, kramte ich aus dem Schrank die Frau hervor, die dort schon immer oder jedenfalls viele Jahre zwischen den niemals getragenen Sachen gelegen hatte. Ich nahm die bevorstehen Hochzeit einer Freundin zum Vorwand und all meinen Mut zusammen, meldete mich zu einem Tanzkurs an und setzte eine Tanzpartneranzeige ins Internet.

Seitdem lebe ich zwei Leben. Oder drei, wenn man die Arbeit mitzählt. Aber die Arbeit ist nicht kompliziert, weder mit meinem Dasein als Mutter noch mit meinem Leben als Frau schwer zu vereinbaren.

Wie alle Mütter stehe ich viel zu oft viel zu früh auf. Ich sorge mich wegen der Schreibfehler meines Siebenjährigen und um ihn, wenn er nach der Schule zornig und erschöpft ist. Ich vereinbare Arzttermine, verschiebe sie, hetze von der Kita zur S-Bahn, um zur Arbeit zu kommen und von der S-Bahn zurück zur Kita und zur Schule, um diese Termine einzuhalten, gehe zum Adventsbasteln und zum Tanzfest, zum Elternabend und zur Gartenaktion in der Kita, suche nach Sportvereinen. Ich versuche erfolglos, meinen willensstarken Dreijährigen zum Kosten von Zucchini  zu überreden und gebe ihm Tropfen, wenn er hustet. Ich werde am Wochenende von meinen Kindern geweckt, die in mein Bett kommen und sich dort in wilde Bären und Wölfe verwandeln. Ich lache mit ihnen und schimpfe mit ihnen und bin erschöpft von zu vielen Machtkämpfen; ich erkläre ihnen zu viel, vertiefe mich in Erziehungsratgeber und lese Geschichten vor, und abends sehe ich nach meinen schlafenden Kindern und streichle sie, vorsichtig, damit sie nicht aufwachen.

Aber gleichzeitig sind mein Kopf und mein Herz manchmal weit weg, in meinem anderen Leben.

In meinem anderen Leben kann ich manchmal ausschlafen. In die Sauna gehen, im Tanzverein viel zu schwere Wienerwalzerfiguren üben. Mich mit Freunden in Cafés treffen und Essen gehen, statt Einkäufe nach Hause zu tragen. Kleider kaufen, die nicht praktisch sind, sondern sagen: Hier bin ich! Seht mich an! Durch Parks spazieren, Männer kennenlernen. Alleinsein. In den Berliner Seen schwimmen, nachts an der Spree stehen. Am Wochenende verreisen. Eine Zeit lang gehörte dazu, nicht nach Hause zu kommen, zu nachtschlafender Zeit in den Himmel über Kreuzberg zu schauen und am Morgen nach lächerlich wenig Schlaf auf meiner Arbeit Fehler zu machen.

Eine sehr kluge Frau sagte einmal dazu: Sie holen ihre Pubertät nach. Wahrscheinlich hat sie Recht.

Eine Zeitlang hätte die Frau in mir die Mutter gern vertrieben und weggesperrt. Mein wirkliches Leben, so schien es, führte nur sie. Kinder sind aufmerksam: es wird ihnen nicht entgangen sein.  Es kann ihnen nicht gut gegangen sein mit einer Mutter, die neidisch auf das Leben war, das die Frau führten konnte.

Obwohl mir das inzwischen bewusst ist, finde ich es auch jetzt noch schwer, ein Gleichgewicht zwischen meinen Rollen zu finden. Ich liebe meine Kinder, aber ein Tag mit ihnen erschöpft mich mehr, als morgens halb acht im Fitness-Studio zu sein und erst abends halb elf vom Tanzen nach Hause zu kommen. Ich bin keine geborene Mutter, ich bin zu introvertiert, lebe zu tief in meinem eigenen Kopf, um es leicht zu finden, meinen Kindern ohne Unterbrechung zugewandt zu sein, offen für ihre Anliegen. Es ist nicht so, dass ich Kraft für mein Leben mit den Kindern sammle, wenn ich allein bin. Stattdessen lebe ich für mich. Und manchmal kehre ich ungern zurück.

An guten Tagen denke ich: ich habe ein großartiges Leben.

An schlechten Tagen fühle ich mich sehr alleine, wo ich auch bin: unter den Müttern, die mir ansehen, dass ich auch am Sandkasten an meine Wochenendpläne denke, und unter meinen kinderlosen Bekannten, die noch Cocktails trinken gehen, während ich nach Hause muss, um am nächsten Tag meine Arbeitsstunden zu schaffen und meine Kinder pünktlich abzuholen.

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4 Gedanken zu „Wechselmodell

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