Der wärmste 20. Oktober seit Beginn der Wetteraufzeichnungen

Sommertage mitten im Oktober. Die Stadt leuchtet; all die Ahornbäume entlang der S-Bahn-Strecke sehen aus, als haben sie sich in Licht eingehüllt. Dazu noch das unwahrscheinliche Rot, in das die Blätter vom wilden Wein sich verfärbt haben.

Mein Lieblingsbaum steht in meinem Hinterhof. Es muss auch eine Art Ahorn sein. Vom Küchenfenster aus beobachten wir, wie er sich Tag für Tag von oben nach unten immer mehr in eine leuchtende Wolke verwandelt. Im Hof haben wir einen dicken Strauß seiner Blätter aufgesammelt, mit einem Gummiband zusammengebunden und in eine Vase gestellt: gelbgrüne und gelbe und gelbrote und rote, jedes einzelne ein Wunder.

Ansonsten ist es keiner von den ganz besonders guten Tagen. Mein Körper hatte wohl den Eindruck, dass ich in letzter Zeit ein bisschen zu viel gemacht habe. Oder ich habe mich einfach bei meinem Dreijährigen angesteckt. Jedenfalls schlurfe ich am vielleicht letzten schönen Wochenende des Jahres hustend in der Wohnung herum und muss alle meine Wochenendpläne aufgeben. Ich tauge momentan nur als Vorlage für einen animierten Comic: ziehe den Reis aus dem Regal – aus dem Fach ganz oben, in dem ich meine Lebensmittelvorräte aufhebe – und löse eine Kaskade aus: ein Kilo Zucker, ein Päckchen Gries, mehrere Tütchen Vanillezucker und Backpulver und Salatkräuter, Backaromen mit überschrittenem Verfallsdatum, eine ebenfalls uralte Packung Natron und eine Tüte Linsen regnen um mich herum zu Boden. Irgendwann später versuche ich dann, den Reis in eine Tasse zu füllen. Da ich mit Verpackungen – und vor allem: mit ausgeklügelten Öffnungsmechanismen, an denen eine ganze Abteilung aus Verhaltensforschern, Designern und Ingenieuren wahrscheinlich monatelang gearbeitet hat – auf Kriegsfuß stehe, endet es damit, dass überall Reiskörner sind: auf dem Boden, auf dem Kühlschrank, unter dem Kühlschrank, im Spalt zwischen Kühlschrank und Küchenschrank (der eigentlich deutlich weniger breit ist als ein Reiskorn) unter dem schweren Schneidebrett auf dem Kühlschrank , in der Butterdose – und ja: wie durch ein Wunder auch in der Tasse.

Sollte wohl den Rest des Tages im Bett verbringen. Nicht versuchen, rauszugehen und mich mit der Welt anzulegen. Es könnte einer der Tage sein, an denen es schon eine Herausforderung wäre, eine Lichtschranke von meiner Existenz zu überzeugen.

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3 Gedanken zu „Der wärmste 20. Oktober seit Beginn der Wetteraufzeichnungen

    1. gretainberlin Autor

      Danke… Hoffe die gute Besserung meint mehr meinen Husten als das, was ich sonst bisher geschrieben habe. Aber selbst wenn: einen höheren Anspruch als „das ist ein Experiment“ habe ich ja auch erst mal garnicht.

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