Abenteuer Wirklichkeit

Bei meinem Siebenjährigen wurde vor einiger Zeit eine Skoliose diagnostiziert. Anscheinend ist das so eine Familienkrankheit. Bei meiner Mutter war es so schlimm, dass ihre Wirbelsäule operiert und dabei mit zwei Knochenspänen aus ihrem Oberschenkel versteift wurde. Das war in irgendwann den Fünfzigerjahren. In der DDR. Einige Zeit danach verließ der Spezialist, der die Operation durchgeführt hatte, das Land Richtung Westen. Es gab niemanden mehr, der sich mit der bei  meiner Mutter angewandten Operationstechnik auskannte, als sie irgendwann später an Schmerzen, einer zunehmenden Verkrümmung ihres Rückens und dem Verdacht litt, dass die Knochenspäne sich verschoben haben könnten.

Bei mir wurde eine leicht verdrehte Wirbelsäule festgestellt, als ich ungefähr 16 war. Ich bekam ein Rezept für eine kleine Erhöhung am rechten Schuh und einen Rückenkurs verschrieben, mit der Empfehlung, die Übungen täglich auszuführen. Ich glaube, ich habe den Kurs besucht und die Übungen vergessen. Tägliche Routinen, die über das Zähneputzen hinausgehen, sind meine Stärke nicht.

Mit meinem Sohn bin ich durch einen glücklichen Zufall in einer Physiotherapiepraxis gelandet, die auf die Begleitung skoliotischer Kinder bis zum Ende der Wachstumsphase spezialisiert ist. Nachdem wir die auf dem ersten Rezept verschriebenen Sitzungen abgearbeitet haben, habe ich drei Dinge eingesehen: Wir werden in den nächsten zehn Jahren (mindestens) immer wieder Zeit in der kleinen Praxis verbringen. Mein Siebenjähriger wird um eine Mitgliedschaft in einem Sportverein nicht herumkommen (resigniert aufzeufz). Ich muss meine Wohnung in ein kleines Bewegungsparadies verwandeln – was nicht nur den Erwerb eines weichen, schon meinem Leichtgewicht von Sohn große Sprünge ermöglichenden Trampolins einschließt, sondern auch die Einrichtung einer Schaukelmöglichkeit mit Ringen oder einer Strickleiter, an der mein Siebenjähriger Körperspannung und Muskeln aufbauen kann.

So sehr mir das alles einleuchtet: schon die gedankliche Vorbereitung dieser Schaukelmöglichkeit beginnt sich zu einem albtraumartigen Projekt auszuweiten. Der Türrahmen ist nicht dafür geeignet, eine Schaukelstange darin einzuspannen. Die Zimmerdecken sind nicht stabil genug, um entsprechend belastbare Haken zu halten. Der Flur ist eigentlich zu eng, sodass ein schaukelndes Kind mehr familiären Stress erzeugen als Freude an der Bewegung erleben würde. Was also tun?

Ein Balken muss her, der das Kinderzimmer des Siebenjährigen von einer Wand zur anderen überspannt – und gleichzeitig auch als großartige Spielmöglichkeit genutzt werden kann. Ich sehe das umgestaltete Zimmer schon vor mir, und meinen großen Sohn, wie er mit Freunden an Strickleitern wilde Piratenspiele spielt.

Leider stelle ich beim Ausmessen fest, dass das Zimmer drei Meter zwanzig breit ist. Wie stark so ein Balken dann wohl sein muss? Ich mache eine gedankliche Einkaufsliste und hoffe auf einen freundlichen Mitarbeiter im Baumarkt, als mir ein furchtbarer Gedanke kommt: ein Balken von dieser Länge wird niemals durch die Eingangstür meiner Wohnung nach links in den schmalen Flur passen, von dem aus er nochmals scharf links in das Zimmer meines Sohnes einbiegen müsste. Beinahe erleichtert lege ich die Idee beiseite und versuche, mich mit dem Schaukelbalken im Flur und der Vorstellung abzufinden, dass ich und der Dreijährige von nun an jeden Nachmittag entscheiden müssen, ob wir uns in der Küche oder im Zimmer des Dreijährigen aufhalten wollen, um dem Siebenjährigen nicht durch laufende Wir-müssen-hier-mal-durch-Unterbrechungen die Freude an der Bewegung zu vergällen. Auf einem Spaziergang habe ich dann den Geistsblitz: Ließe der Balken sich nicht – sofern er durchs Treppenhaus passt? – durch die Eingangstür meiner Wohnung ins gegenüberliegende Zimmer bugsieren, von dort aus auf den Balkon, dort wenden, durchs Küchenfenster wieder hineinschieben und dann in das gegenüber der Küche gelegene Zimmer meines Sohnes weitertransportieren?

Was natürlich bisher weder die Frage des Gewichtes eines solchen Holzungetüms noch die Frage seiner Befestigung (mit der Bohrmaschine in der Hand habe definitiv ich mehr Angst als die Wand) auch nur ansatzweise berücksichtigt.

War ich jemals auf der Suche nach Abenteuern? Hier sucht mich grade eins heim.

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2 Gedanken zu „Abenteuer Wirklichkeit

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