Besuch von meinem Vater

Am Wochenende hat mein Vater uns besucht. Das war schön. Meine Kinder sind ihm entgegengelaufen, als seine langsamen Schritte auf der Treppe zu hören waren.

Mein Vater ist gealtert in den letzten Jahren. Schuld daran ist der Parkinson. Er hat ihn gebeugt, seine Bewegungen langsamer gemacht, seine Stimme brüchig und seine Schrift auf den Urlaubspostkarten ganz klein werden lassen. Mein Vater nimmt viele Sorten Medikamente gegen den Parkinson und andere für sein Herz, und dann noch einige gegen die Nebenwirkungen all dieser Medikamente. Und was er tut, hat seit einigen Jahren schon manchmal diesen Beigeschmack von: wer weiß wie lange noch.

Am liebsten möchte ich meine Augen davor verschließen. Weil die Vorstellung unerträglich ist, dass er einmal nicht mehr da sein könnte. Und weil sein Altwerden mich daran erinnert, dass auch ich älter werde. Und wie ein Kind – das sich die Augen zuhält und ruft: Ich bin garnicht da! – würde ich gerne durch Verdrängen erreichen, dass er mein starker Vater bleibt und dass das Älterwerden mich verschont.

Mein Vater kam – wie er es immer tut – mit einer großen Tasche, schwer von seiner Liebe zu uns: mit Kuchen, den seine Frau gebacken und mit Rouladen, die sie vorgekocht hatte; mit Süßigkeiten, die ich meinen Kindern nicht kaufen würde; mit Pullis vom letzten Kinderkleiderbasar; mit Äpfeln aus dem Dorf, in dem ich großgeworden bin, mit einem schwarzen Rettich aus seinem Garten und vielen Kleinigkeiten, die er nach und nach in meiner Wohnung verteilte.

Manchmal, wenn er zu Besuch ist, erzählt mein Vater am Abend Geschichten von Leuten, die ich von früher kenne  –  die ungefähr in meinem Alter sind und noch da leben, wo sie und ich aufgewachsen sind. Diese Geschichten klingen wie Erfolgsgeschichten. Und was ich höre, wenn mein Vater sie erzählt – auch wenn er das garnicht meint – ist „Siehst Du? Die haben es gut gemacht. Die haben es richtig gemacht.“ Die Begriffe, die mein Vater verwenden müsste, um meine Geschichte so zu erzählen, dass sie wie eine Erfolgsgeschichte klingt, sind ihm fremd. Das macht mich manchmal traurig.

Diesmal haben wir über andere Dinge geredet.

Am Samstagmorgen sind wir gemeinsam in den Wald gefahren, wo meine Kinder, ganz hibbelig vor Entzücken, die schönsten Hallimasch abschneiden durften, viel zu viele für uns vier, weil wir – in unserem kleinen Stadtwald mitten in Berlin – immer neue prächtige Stöcke entdeckten.

Wegen der Zeitumstellung hatte ich meinen Kindern versprochen, sie sehr, sehr lange aufbleiben zu lassen, und am Ende kam es uns so vor, als wären Samstag und Sonntag beide mindestens eine Stunde länger gewesen als sonst. Wir hatten nicht nur zum Pilzesammeln Zeit , sondern auch zum Apfelmuskochen, zum Rettichsalatmachen, zum Erzählen und Vorlesen und Spielen, für ein bisschen Mittagsruhe (der Dreijährige legte seine Spieluhr neben meinen Kopf, ich schlief zu „Somewhere over the rainbow“ prompt ein, und erwachte dann irgendwann einigermaßen unsanft davon, dass er – auch neben meinem Kopf – seine heiß geliebte Spielzeug-Bohrmaschine startete), zum Braten einer großen Pfanne voller Pilze und für einen kleinen kritischen Moment, als der Siebenjährige versuchte, Hartgummifiguren in der Reibemaschine zu zerkleinern, die wir für den Rettich benutzt hatten. Am Samstagabend zogen wir nochmal los und haben einen der letzten Kürbisse aus unserer Kaufhalle besorgt.

Jetzt leuchtet er im Dunkeln auf unserem Balkon – schickt ein erstaunlich fröhliches Vampirlächeln von außen durch unser Küchenfenster, während auf seiner anderen Seite ein grimmiges Monstergesicht in den finsteren Herbstabend schaut.

Mein Vater ist wieder abgereist, seine Kuchendose mit den übrigen Hallimasch gefüllt. Bei ihm zu Hause liegt jetzt schon Schnee.

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Ein Gedanke zu „Besuch von meinem Vater

  1. tangoargentina

    habe Tränen geweint vor Liebe zu Deiner liebe – vollen Erzählung über den Vater, und vielleicht auch, weil Du meine heimlichen Gefühle triffst

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