Notfallchirurgie am Samtkaninchen

Gestern musste ich Hasi wieder heil machen.

Mit meiner alten Singer-Nähmaschine, vor 20 Jahren vom Sperrmüll geholt, von einem schlauen Nähmaschinenladeninhaber für genau den Betrag repariert, den ich maximal auszugeben bereit war (sicherheitshalber hatte er vorher danach gefragt…), mit mir mindestens sechsmal umgezogen. Meine echten Freunde sind die, die meine Nähmaschine schon die eine oder andere Treppe hoch- oder runtergetragen haben… und trotzdem meine Freunde geblieben sind. Ich hänge an dem Ding – obwohl es (so wie ich) nichts anderes kann als einfach geradeaus zu nähen.

Hasi also lag gestern in erbarmungswürdigem Zustand vor mir, ein kleines Loch in seinem früher mal weichen und blauen Fell war über Nacht zu einem grässlichen Riss geworden, mindestens 20 Zentimeter lang. Die Rettungsaktion ist gelungen (er brauchte allerdings ungefähr hundert Stiche, der Arme). Sie hätte auch nicht schiefgehen dürfen. Was ich noch hätte reparieren können – die ausgefransten Säume, die abgekauten Ohren – hat mein Dreijähriger mir nicht erlaubt.

Gestatten: Hasi – das Schmusetuch meines kleinen Sohnes, eins von diesen Käte-Kruse-Kuscheltüchern, die immer gerade dann aus dem Programm genommen worden sind, wenn dein Kind in das Alter kommt, in dem es ein geliebtes Kuscheltier auch schon mal in einem unbeobachteten Moment aus dem Baggy fallen lässt. Natürlich empfehlen einem schlaue Eltern, gleich zwei von den Dingern zu kaufen, sicherheitshalber. Das ist aber Unsinn, mit zweien reicht man nie. Bei uns leben zur Zeit Hasi zwei und Hasi fünf.

Die ersten beiden habe ich mit noch garnicht so dickem Bauch gekauft. Ich wollte, musste meine Hoffnung auf mein kleines Kind greifbar machen. Und mein inzwischen Dreijähriger liebte sein Schmusetuch von Anfang an. Seitdem gehört Hasi zur Familie, egal, welche Nummer er gerade trägt.

Hasi drei habe ich ganz schnell nachbestellt, als Hasi zwei sich einmal zwischenzeitlich hinter der Heizung einem eher kontemplativen Leben verschrieben hatte. Aber wir haben ihn wiedergefunden, anders als Hasi eins, der auf einer Bahnfahrt verlorenging. Ein ganzes Wochenende, das eigentlich meiner Familie gehören sollte, verbrachte ich mit dem Telefon am Ohr vor dem Computer bei dem Versuch, die verschlungenen Wege nachzuvollziehen, die ein Fundstück bei der Bahn möglicherweise nehmen könnte. Aber Hasi eins wurde nicht abgegeben.

Mein kleiner Sohn entdeckte Hasi vier in einem Second-Hand-Laden. Natürlich musste der Hasi sofort gekauft werden, und das war auch gut, denn Hasi drei fiel einige Monate später aus dem Baggy und war nicht mehr aufzufinden, als der Papa meiner Kinder eine halbe Stunde später jeden Stein an dem Weg umdrehte, den wir von der Kita nach Hause genommen hatten.

Hasi vier ging dann ziemlich schnell in der Sommerferien-Notbetreuung der Kita verloren. Fremde Kinder, fremde Erzieher – keine Spur mehr von Hasi.

Wir haben um jeden verlorenen Hasi getrauert. Ohne einen von ihnen hat mein kleiner Sohn keine Nacht seines Lebens geschlafen, ist er keinen Tag in der Kita gewesen. Ich habe Arbeitsstunden versäumt, weil ich Hasi noch in die Kita hinterherbringen musste; wir sind halbe Wanderungen in glühender Sommersonne noch einmal zurückgegangen, um einen an einer Wegbiegung verlorenen Hasi wieder einzusammeln; und noch heute weckt mein Sohn mich manchmal mit einem kläglichen: Hasi ist weg! – und kann erst wieder einschlafen, wenn ich Hasi unter dem Kissen oder unter dem Bett oder unter seinem Po wiedergefunden habe.

Da wir mit einem einzigen Hasi nicht auskommen (ein intensiv geliebtes Kuscheltier riecht mit der Zeit ja recht streng und braucht seine Wäschepausen), musste Hasi fünf beschafft werden – das ging nur noch zu einem horrenden Preis, weil er inzwischen nur noch auf eBay als Liebhaberstück von Leuten verkauft wird, die wissen, dass man so ziemlich jeden Betrag zahlen würde, um ein geliebtes Kuscheltier wiederzubeschaffen.

Als ich – gestern – die Risse im Fell von Hasi zwei mit Stecknadeln zusammengeheftet habe, musste ich an einen Text denken, der mich immer wieder zu Tränen rührt. Er ist aus „Das Samtkaninchen“ von Margery Williams und Donna Green. Ich habe das Buch noch garnicht selber gelesen, aber es wird in einem meiner allerliebsten Filme zitiert, „Beginners“ ist das. Es geht um Kuscheltiere, die sich im Laden – glaube ich – oder in der Nacht unter dem Weihnachtsbaum? – darüber unterhalten, wie man „wirklich“ wird, oder „echt“ („real“ heißt es auf Englisch an der Stelle). Und ein alter, weiser Teddybär erklärt es dem „Samtkaninchen“: wirklich, so sagt er sinngemäß, ist man erst, wenn man ein abgeschabtes Fell hat, mindestens ein Auge verloren und durch einen unpassenden Knopf ersetzt bekommen hat; wenn man so sehr geliebt wurde, dass man verblasst und schäbig geworden ist.

So wie Hasi zwei, der jetzt wieder, immernoch zerfetzt an den Säumen und mit mitleiderregenden halben Ohren, in den Armen meines schlafenden Dreijährigen liegt.

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2 Gedanken zu „Notfallchirurgie am Samtkaninchen

  1. piri ulbrich

    Bei uns gibt es keinen Hasi, sondern ’nur‘ einen Plüschpapagei. Inzwischen auch den fünften. Mein Töchting ist behindert und braucht diese Lora unbedingt. Wir sind schon einmal 100km zurückgefahren um das liebste, was sie hat zu retten. Der Papagei saß geduldig im Vorgärten meiner Mutter. Diese wunderte sich, warum wir so viel Sehnsucht nach ihr haben – dabei war es das Kuscheltier, das vermisst wurde…

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