Patchwork in Progress

Es gibt nichts, was das Herz so effizient schwer werden lässt, wie sich an einem finsteren Novemberabend irgendwo von Freunden zu verabschieden und im strömenden Regen mit einem Bus durch öde, unbekannte Gegenden von Berlin zu fahren.

Wie schön es ist, dann nach Hause zu kommen! Musik an, Rechner an…

Ich verleihe mir selber drei Fleißbienchen – der Größe des Projektes angemessener wären allerdings Hornissen oder Vogelspinnen – dafür, dass ich am Wochenende endlich die Fotoalben der Kinder fertig nachgeklebt habe. Ich schaffe es nicht, Tagebücher für die beiden zu führen. Deshalb sind die Alben wichtig. Natürlich ist da wenig vom Alltag zu sehen. Aber die großen Ereignisse, die wichtigen Veränderungen – das ist alles da.

Mein damals Sechsjähriger voller Stolz und Bangen mit seiner Schultüte im Arm. Urlaube mit Freunden, vier kleine Jungs in Gummistiefeln und Regenhosen, putzmunter aufgereiht wie Zwerge. Familientreffen, meist in der Weihnachtszeit, alle bei schlechter Beleuchtung auf einem Sofa und davor zusammengerückt. Irgendjemand sieht immer doof aus. Ausflüge, der Siebenjährige und ich auf den Fahrrädern, der Dreijährige im Korb, auf der wegen unseres Tempos verschwommenen Landebahn des Tempelhofer Flugfelds. Wir drei und die Nachbarskinder beim Plätzchenausstechen, bekleckert und mit Hingabe bei der Sache. Ich mit meinen beiden Jungen im Arm vor dem Weihnachtsbaum, im letzten Jahr.

Zu seinem letzten Geburtstag hat mein Siebenjähriger einen eigenen Fotoapparat bekommen. Er hat unsere Wohnung aus den seltsamsten Winkeln fotografiert. Schöne Alltagsbilder.

Als ich die Fotos von seiner SD-Karte gezogen habe, kamen auch andere mit – ein Ausflug, den nicht ich mit den Jungs gemacht habe, sondern ihr Papa. Meine Kinder sitzen mit seiner neuen Partnerin und ihrem Sohn auf einer Bank, kauen Waffeln, zufrieden. Auch das habe ich nachbestellt und eingeklebt. Es ist ein Teil ihres Lebens.

Die stille Post im Hinterhof wars, die mir zeitnah die Nachricht überbrachte, dass sich die andere-Wechselmodell-Mami-von-schräg-gegenüber für den Vater meiner Kinder interessiert. Sie und er leben im gleichen Häuserblock. Mein Hinterhof grenzt an ihren. Das ist schön, weil die Kinder im gleichen Umfeld leben, bei ihrem Vater, bei mir. Es braucht nicht mehr als einen Vierkantschlüssel, um die Tür im Zaun zu öffnen, wenn sie mit ihren Freunden von nebenan auch dann spielen wollen, wenn sie bei mir sind. Das ist gleichzeitig nicht schön, weil ich Dinge mitbekomme, von denen ich lieber mehr Abstand hätte. Aber von der neuen Beziehung meines früheren Partners hätte ich spätestens dann gewusst, als mein handwerklich extrem interessierter Dreijähriger voller Begeisterung von seinem Vater zurückkam: „Papa“ – ein Mann, der schon immer wegen seiner Größe nicht gut mit Leisten an Fußenden von Betten zurechtkam – „hat das Bett von … abgesägt!“

Lachen oder Weinen?

Ich denke darüber nach und weiß, dass ich nicht tauschen möchte, mit keinem von beiden. Vielleicht werden sie ja ein glücklicheres Paar als er und ich es waren.

Was schwer bleibt, ist, zu akzeptieren, dass eine andere Frau für meine Kinder wichtig wird.

„Du musst es positiv sehen: Ein Mensch mehr, der deinen Kindern guttut!“ sagte die wirklich-vorbildliche-alleinerziehende-Mutter-von-gleich-Nebenan. Aber obwohl der Kopf weiß, dass „die Neue“ mich nicht ersetzen kann und wird, ist und bleibt das Herz neidisch auf alles, was sie mit meinen Söhnen teilt: Zeit und Muße – während ich viel zu oft nach der Arbeit erschöpft und gerade noch zum Abendbrotmachen in der Lage bin; ein Ausflug, auf dem sie die beiden – wie sie mit leuchtenden Augen erzählen – mit einem Seifenblasendöschen in Form eines Teddybären restlos begeistert hat. Waffeln, die sie miteinander essen, auf einer Bank, auf einem Foto.

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