Vom Wünschen und Wollen

Das Leben – so zitiert eine Kolumnistin in einer Zeitschrift, die mir in einem Wartezimmer in die Hände gerät, eine wieder andere Zeitschrift – sei eine einzige Suche: nach Liebe, nach Erfolg, nach Anerkennung. Und sie ergänzt: Auch nach Mützen, nach der Osterdeko vom Vorjahr, nach verlegten Brillen, nach Autoschlüsseln. Vor lauter Suchen nach derartigen profanen Dingen, schreibt sie weiter, komme sie garnicht dazu, nach Erfolg, Liebe und Anerkennung zu suchen.

Das ist schön formuliert.

Mir geht es so mit den Träumen und Wünschen. Ich hätte gerne ein paar davon für mein Leben; es neigt dazu, sich wie eine immerwährende Abfolge der immergleichen ziemlich anstrengenden Woche anzufühlen. In dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ war wenigstens Frühling, glaube ich. Hier ist November.

Ich hätte gerne bitte ein paar Träume.

Vielleicht wird das gerade mein Thema, weil meine Kinder größer werden. Die Tage werden – trotz allem – häufiger, an denen ich um ein Quäntchen Kraft über die Bewältigung des Alltags hinaus nicht mehr so verzweifelt kämpfen muss wie oft in den letzten Jahren. Vielleicht auch weil es meine Arbeitsstelle – meine schöne, flexible Lebensunterhaltssicherung – eines Tages nicht mehr geben könnte, wer weiß das schon. Vielleicht auch weil ich den Traum nicht weiterträumen kann, den ich hatte, von einem Neuanfang, dem Wagnis einer großen Liebe.

Manchen Menschen sind Lebensträume mitgegeben, von Anfang an. Ich beneide sie.

Mich strengen Wünsche an. Wie soll ich große Träume für mein Leben träumen, wenn schon die kleinen Wünsche sich in eine Abfolge anstrengender Vorbereitungs- und Organisationsaufgaben verwandeln: ein gemütliches Essen mit Freundinnen in die Suche nach Rezepten, das Schreiben von Einkaufslisten und eine aufwändige abzustimmende Zeitplanung mit drei beteiligten Parteien; ein Weihnachtsbesuch bei meiner Familie in mühseligen Fahrkartenerwerb und langwieriges Packen von Rucksäcken und Rollkoffern?

Wie soll ich da etwas größeres als meine Frisur nachhaltig verändern?

„Was dürfen Sie sich eigentlich wünschen?“ fragt mich eine kluge Frau. „Was dürfen Sie sich nehmen?“

Im Grunde möchte ich mir garnichts nehmen. Ich möchte still sitzenbleiben, genau hier, und darauf warten, dass jemand kommt und meine – mir selbst verborgenen – Wünsche errät und erfüllt.

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