Clash of pedagogics

Mittwochnachmittag. Meine Kinder wechseln zurück zu mir. Heute sind sie müde, haben am Vorabend zu lange gespielt und getobt, sind spät schlafen gegangen, obwohl sie einen langen Tag vor sich hatten. Der Dreijährige baut sich aus Decken und Kissen ein Nest zwischen Backofen und Küchenschrank. Nach dem Abendessen landen wir alle drei darin; der Siebenjährige liest dem Dreijährigen „Entdecke den Bahnhof“ vor; da ich schon viele Bahnhöfe entdeckt habe, schließe ich die Augen, die gesammelte Erschöpfung des Tages wallt in mir auf wie kochende Milch, ich nicke ein und höre nur im Halbschlaf, wie der Dreijährige, der das Buch auswendig kann, den Siebenjährigen beim Vorlesen verbessert und der Siebenjährig in anranzt: „Sei still, Du Kacki!“ Ich murmele im Halbschlaf etwas von: So nennen wir uns aber nicht… und döse wieder ein.

An manchen Mittwochabenden sind meine Söhne nicht nur müde, sondern unausstehlich, müssen jede Grenze erst wieder testen, die ich anders setze als ihr Vater.

Pädagogische Konzepte unterscheiden sich. Ich bin immer wieder verblüfft darüber, wie gerade in der Kindererziehung viele Vorstellungen, die vor vielleicht 20 oder 50 Jahren aktuell waren, heute in ihr Gegenteil verkehrt werden, sei es auf der ganz praktischen Seite der Wechsel zwischen den empfohlenen Lagerungen eines Babies zur Vermeidung des plötzlichen Kindstodes oder der eher konzeptuelle Wechsel von „Schreien lassen stärkt die Lungen“ zu „man kann ein Kind im ersten Lebensjahr nicht verwöhnen“ (und zurück zu „lassen Sie Ihr Kind gar nicht zu einem Tyrannen werden“). Und für so ziemlich jeden Erziehungsstil, den man selber für richtig hält, lassen sich dann auch ausreichend Ratgeber findet, die ihn empfehlen.

Unterschiedliche Ideen von Kindererziehung haben in den letzten Jahren sogar meine Beziehungen zu meinen Freunden beeinflusst.

Eine mir sehr wichtige Freundschaft zu einer anderen Mutter wurde auf eine harte Probe gestellt, als wir einmal gemeinsam – aber mit unterschiedlichen Erwartungen – in den Urlaub gefahren sind: Sie, die sich wegen der zeitintensiven Berufstätigkeit ihres Mannes um ihre Kinder fast immer alleine kümmert, mit der Hoffnung, sich zwischen ruhigen, friedlich spielenden Kindern zu entspannen; ich, weil ich meine Kinder viel zu oft „hergeben“ muss und die Zeit mit ihnen dann auch noch durch die Zeitpläne von Schule und Arbeit bestimmt ist – mit dem Vorsatz, Verbote, Regeln und Schimpfen massiv einzuschränken und all das Lachen und Toben nachzuholen, das wir im Alltag versäumt hatten. Eine für alle gute Lösung war da nicht zu finden.

In diesem Urlaub habe ich in der „antiautoritären“ Rolle gesteckt – im Vergleich mit anderen Freunden kommt es auch vor, dass ich diejenige bin, die mehr Verbote und Regeln für ihre Kinder aufstellt und diese auch mal rabiat durchsetzt. Ruhige Abende sind mir zum Beispiel sehr wichtig… und ich staune gelegentlich, wie gelassen andere Eltern ihre Kinder viel später und mit viel weniger Nachdruck zu Bett bringen.

Aber eine andere Familie muss ich ja garnicht besuchen, wenn ich erleben möchte, wie pädagogische Vorstellungen aufeinanderprallen, die sich noch nicht einmal grundsätzlich, sondern mehr in den Details unterscheiden. Jede Woche aufs Neue prüfen meine Söhne, ob die Regeln Bestand haben, die bei mir anders sind als bei ihrem Vater. Wie oft dürfen Gummibärchen in der Vesperdose sein, und wie viele? Wann werden Filme geschaut, und wie lange? Gibt es nach jeder Mahlzeit Joghurt „zum Nachtisch“ – oder nicht? Bleibt das Kind, das zuerst aufgegessen hat, solange am Tisch sitzen, bis das andere auch fertig ist? Wann ist Bettgehzeit für den Siebenjährigen, muss der Dreijährige sich alleine anziehen? Wenn dann noch Stress dazukommt – oder der leckere Kräuterquark nicht da ist, den Papa immer kauft – endet es mit Streit und Tränen, immer wieder. Nach 24 Stunden haben wir uns aufeinander eingespielt. Plötzlich ist es harmonisch… bis die Kinder das nächste Mal von ihrem Papa zurück zu mir wechseln.

Wer diesen Artikel schon früher gelesen hatte, wird bemerkt haben, dass ich ihn noch einmal überarbeitet habe. Hier über andere zu schreiben – auch wenn es nur die eigenen Wahrnehmungen sind – ist eine Gratwanderung, bei der mein Gefühl für „passend“ oder „eher nicht“ sich an der Stelle nochmal verändert hat.

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Ein Gedanke zu „Clash of pedagogics

  1. wildgans

    Eine Freundin verlor ich, weil ich ihrem Kind Grenzen setzte….sie ging und kam nie wieder. Bei Prinzen und Prinzessinen geht so was nicht.
    Eine andere Freundin pflichtete mir bei, dass ihr Kleiner nicht meine sämtlichen Schubladen auf machen und durchwühlen sollte….mit ihr heute noch ein schönes, enges Verhältnis….
    Ist auch `ne Art „Freundefinder“ , so ein Leben mit Kindern….
    Gruß von Sonja

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