Novemberblues

Berlin versinkt in Grau und Braun. Die Oberbaumbrücke im Nebel mag romantisch, der Treptower Park auch bei schlechtem Licht noch ein schöner Ort sein; der alte verfallene Spreepark im Dämmerlicht noch verwunschener als sonst wirken – trotzdem drückt der November auf die Stimmung. Nur wenn die Sonne mal scheint, verwandelt die Stadt vor dem S-Bahn-Fenster sich in ein pastellfarbenes Gemälde, mit einem großen blassgelben Himmel und gelb angestrahlten Fassaden, blauen Schatten und ein paar golden aufleuchtenden Birken, die ihr letztes Laub noch nicht abgeworfen haben.

Meine Arbeit ist immer ungefähr von Oktober bis März besonders betriebsam; genau dann, wenn die Kinder häufiger krank werden und vom Pädagogensprechtag in der Schule über den Martinsumzug bis zum Adventsbasteln noch jede Menge Termine in Dunkelheit und Kälte zum normalen Wochenprogramm dazukommen. Ich flitze zwischen all dem hin und her, versuche, nach meinem Oktoberhusten wieder mit dem Tanztraining zu beginnen und noch die eine oder andere Verabredung mit Freunden zu treffen. Die Liste mit all denen, denen ich gern etwas zu Weihnachten schenken möchte, beginnt Dringlichkeitssignale auszusenden. Alles zu viel, die nächste Erkältung kommt mit grenzenloser Erschöpfung.

Während der Dreijährige bei seinem Papa krank im Bett liegt (nein, eigentlich: krank in der Wohnung herumtobt, mit seinem schon seit Wochen hustenden Bruder), sage ich alle Termine ab und verkrieche mich übers kinderlose Wochenende zu Hause; glücklicherweise kann ich für ein paar Tage sogar von hier aus arbeiten; ich sperre die Tür ab und will nichts von der Welt wissen; hocke in dicke Pullover und Socken eingekuschelt vor dem Laptop und meinen mit Zahlen vollgekritzelten Unterlagen; koche Hühnersuppe und lasse mich in die rätselhaften Romanwelten von Haruki Murakami treiben; sitze ganz still mit einem Kaffee am Fenster zum Hinterhof, im Ohr Tina Dicos „Room with a view“.

Wenn schon November… dann richtig. Und irgendwann gehe ich auch mal wieder vor die Tür.

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2 Gedanken zu „Novemberblues

  1. MeinWald

    Haruki Murakami ist ein guter Geheimtip für solche Stunden. Habe ich auch schon probiert.
    Herzlichen Dank für Deine musikalischen „Hörproben“. Schon Dota Ker aus dem erste Artikel, den ich bei Dir las, war eine tolle Entdeckung für mich. Und Tina Dico kannte ich auch noch nicht.
    Ich wünsche Dir viel Kraft beim Kampf mit all den Mikroben und Virenstämmen. Und vielleicht auch ein bisschen Sonnenschein in die grauen Novembertage.
    Bald wechseln sie zu weissen Dezembertagen 😉

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