Im Zeitschriftenladen

Wieder in der Stadt unterwegs, wegen der Kälte verbringe ich die Wartezeit auf den Bus im Zeitschriftenladen. Ich streiche an den Regalen entlang, die Sonderhefte mit den besten, neuesten und leckersten Plätzchenrezepten interessieren mich nicht. „Lernen Sie, ihren Zeitdruck mit anderen Augen zu sehen. Berufstätige Mütter über Chaos und Glück“ will ich auch nicht lesen. Das mit Chaos und Glück ist wohl wahr, aber meinen Zeitdruck möchte ich trotzdem nicht anders nennen als „Zeitdruck“, ich möchte darunter leiden dürfen und bei Gelegenheit vielleicht etwas daran ändern, aber schönreden will ich ihn mir nicht.

Überhaupt mag ich ihn gerade nicht, den verkrampft fröhlichen oder jedenfalls mindestens ein wenig krampfhaft optimistischen Ton, den Frauenzeitschriften so oft anschlagen. Anscheinend ist es dieser Ton, von dem die Werbekunden vermuten, dass er die Leserinnen in die richtige kauflustige Stimmung versetzt. Wahrscheinlich würde keine dieser Zeitschriften einen Artikel veröffentlichen, der sich mit dem Zeitdruck so beschäftigt: „Mein Leben an der Grenze zum Burn-Out. Berufstätige Mütter gestehen ihre schlimmsten stressbedingten Erziehungsfehler.“ Schade eigentlich.

Auf der tendenziell esoterischeren Seite des Zeitschriftenregals gibt es „Lektionen in Dankbarkeit“ (Nein, bitte, ich gebe mir ja schon Mühe mit der Dankbarkeit… Lektionen möchte ich aber nicht erteilt bekommen, von niemandem…) und „Leben mit der Unsicherheit“ – aber was ich darüber nicht weiß, will ich auch gar nicht erfahren, glaube ich.

Ich bin heute zu mäkelig, das wird nix mit mir und den Zeitschriften. Oder doch? Auf dem Weg zum Ausgang fällt mir noch die Schlagzeile „Powerdressing“ ins Auge, mit der offensichtlich für neue Büromode geworben wird. Ja, ich würde auch gerne eine Gehaltserhöhung allein auf Grund einer neuen schicken Powerbluse bekommen. Aber wahrscheinlich laufe ich meinem Chef dafür sowieso viel zu selten über den Weg.

Ich lasse die Zeitschriften liegen und gehe zum Bus. Spaß muss es schon machen, sich all diese Überschriften auszudenken; genauso, wie es Spaß machen muss, die Werbetexte auf Tees und Bademitteln zu verfassen, die wir heute so oft nicht deswegen kaufen, weil wir Tee trinken oder baden wollen, sondern weil wir uns nach dem Lebensgefühl sehnen, dass sie uns freigiebig und in allen Nuancen versprechen.

Wörter sind ein großartiges Material.

Und wenn es mit der Gehaltserhöhung wegen der neuen Bluse nicht klappt, kann ich mich ja immer noch selbständig machen und eine Power-Tee-Kollektion fürs Büro entwerfen: „Soft Skills am Morgen“; „Brain Fitness für Powerpoint“,  „Süße Träume im Meeting“, „Excel-Hero“; oder wie wäre es mit einem „Zeitdruck-Killer-Tee“? Berufstätige Mütter würden ihn lieben.

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Ein Gedanke zu „Im Zeitschriftenladen

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