Am Tag vor Totensonntag

Samstagmorgen, ich stopfe meine Kinder in ein Taxi und klettere hinterher. Auf meinem Schoß der Rucksack mit Schäufelchen und Laubharke und eine große Tüte mit dem Gesteck, das wir gestern Abend gemeinsam gezaubert haben. Wir fahren zum Friedhof.

Die Lücke zwischen meinem Siebenjährigen und meinem Dreijährigen ist nicht zu sehen. Aber manchmal ist da ein Schatten von einem Kind, das auch bei uns sein sollte.

Die Geschichte von meinem zweiten Sohn ist eine traurige Geschichte. Aber auch solche Geschichten wollen erzählt werden.

Ich habe mein zweites Kind 30 Wochen getragen. Dann bewegte es sich plötzlich nicht mehr. Es dauerte nicht sehr lange, bis es mir bewusst wurde, aber doch viele Stunden, in denen ich wartete und hoffe und nicht wahrhaben wollte – noch auf dem Weg in die Klinik hatte ich Angst, als überbesorgt angesehen und nicht ernstgenommen zu werden. Aber dann stürzte die Welt ein, in dem Moment, als sie mir sagten, dass da keine Herztöne mehr waren. Der Oberarzt sagte herzlos: „In drei Monaten sind Sie wieder schwanger“. Dann leiteten sie die Geburt ein, und ich brachte mein Kind zur Welt: in einem Krankenhauszimmer, um das die Schwestern einen Bogen machten, weil sie es auch nicht ertragen konnten. In dem Wissen, dass es keinen ersten Schrei geben würde, kein Kuscheln auf meinem Bauch, kein Lächeln. Mein Baby war ein fertiges kleines Menschenkind: Frühchen können schon ab der 28. Woche überleben. Nur ein einziges Mal habe ich ihn im Arm gehalten, meinen zweiten Sohn.

Man bekommt eine Mappe in die Hand gedrückt, mit ein paar Gedichten von anderen trauernden Müttern und mit einem unpassenden Text über „Pathologische Trauer“; man bekommt einen Fußabdruck und das Namensbändchen, das das Baby um den Arm getragen hätte, wenn es gelebt hätte. Wir haben am nächsten Tag noch einmal von unserem Kind Abschied genommen, hilflos vor Schmerz, ein paar Fotos gemacht, wenige, ich wusste nicht, wie kostbar diese Erinnerungsstücke mir werden würden.

Ein paar Tage später lag mein Baby in einem winzigen Sarg, in einem riesigen Grab. Wir haben ihm bunte Baubecher mitgegeben, obwohl die Friedhofsordnung kein Plastik erlaubt. Rosen. Papiersterne, die mein großer Sohn ausgeschnitten hat, der war knapp drei. Ein Kuscheltier.

Inzwischen sind wir nicht mehr sehr oft auf dem Friedhof, aber meine Kinder kennen „unser“ Grab; sie wissen, dass sie eigentlich noch einen Bruder hätten. Heute stellen wir unser Gesteck aufs Grab, zwischen die Zweige, mit denen es schon abgedeckt ist. Wir harken ein bisschen Lauf weg; wir zünden ein Licht an und stellen es in die Laterne; wir stecken Rosen in die Erde; der Dreijährige und der Siebenjährige zanken sich darum, wer die Stiele abschneiden darf.

Und dann gehen wir einkaufen. Zutaten zum Plätzchenbacken. Essen fürs Wochenende. Vitaminsirup gegen den Dauerschnupfen. Und als wir den perfekten Adventskranz sehen, nehmen wir den auch schon mit. Muss er eben noch eine Woche auf dem Balkon liegen.

 

Advertisements

4 Gedanken zu „Am Tag vor Totensonntag

  1. MeinWald

    Dein Artikel, deine Geschichte berührt mich sehr. Ich denke, er bleibt, der Verlust, der Schmerz.. Auch wenn er sich mit der Zeit verändert.
    Ich finde es bewundernswert, wie Du Dich damit auseinandersetzt, den Raum, den Du Deinem Baby weiterhin gibst. Den Platz den der Bruder bei seinen Geschwistern hat.
    Ich drücke Dich fest und wünsche Dir viel Kraft!
    Liebe Grüsse.
    bea

    Gefällt mir

    Antwort
    1. gretainberlin Autor

      Liebe Bea, ja, so ist es – die Gefühle haben sich mit der Zeit verändert, aber dieser Verlust ist trotzdem ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte als Familie, ein Teil, der mich jedenfalls ein Stück weit geprägt hat. Danke Dir… Greta

      Gefällt mir

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s