Einmal Familie und zurück

Eine Zugreise ohne meine Kinder stelle ich mir immer wundervoll vor: in meiner Fantasie sitze ich mehr oder weniger allein in einem Sitz, der noch etwas weicher ist als in der wirklichen Bahn, allein in einem Großraumabteil, vor mir einen ganz großen Kaffee und ein spannendes Buch, vor dem Fenster ein nichtendenwollender Sonnenuntergang über weiten Feldern.

Die Wirklichkeit am Freitagnachmittag sieht anders aus, ich finde gerade noch einen letzten freien Platz am Gang neben einem umtriebigen Herren, den ich immer wieder aufstehen und hinsetzen lassen muss. Und spätestens ab Naumburg ist es vor den Zugfenstern stockfinster, dunkler als eine Nacht in Berlin je sein könnte. Wegen der Dunkelheit und weil die Ortsbezeichnungen auf den Bahnhöfen neuerdings außerhalb des Bereiches angebracht sind, den man von meinem Sitzplatz aus einsehen kann, verliere ich auf der eigentlich vertrauten Strecke völlig die Orientierung, stehe irgendwann viel zu zeitig im Gang, warte auf meinen Ankunftsbahnhof, sehe meinem Spiegelbild im Glas der Zugtür beim Älterwerden zu und höre ein Telefongespräch mit, das eine Frau mit ihrem verheirateten Geliebten führt: sie erzählt ihm von ihren Freundinnen – denen, die solche Affairen auch schon hatten; von ihrer Arbeit, von ihren Wochenendplänen; unterbrochen von Passagen in diesem Gurrton, in dem alle sehnsüchtigen Verliebten reden.

Aus der Verlorenheit der Bahnfahrt komme ich in die Wärme und Geborgenheit meiner Familie: ein Geburtstagswochenende.

Wie schön das ist: Vorbereitungen, wir rühren den ganzen Abend Käsecremes, machen Salate, rollen Schinken um getrocknete Aprikosen. Stundenlanges Frühstücken mit Menschen, die über die gleichen Dinge lachen wie ich. Geschenkeauspacken, bei dem alle mit Muße und Vergnügen zusehen. Anregungen: Eine meiner Nichten erklärt mir das „Scrapbooking“ und zeigt mir nicht nur entsprechende Blogs im Internet, sondern auch ihre selbstgestalteten Seiten. Blättern in einem Buch mit Origamisternen, von denen seltsamerweise noch keiner Greta heißt. In der Firmenzeitschrift, auf deren Titelblatt meine ganz große Schwester zu sehen ist. Ein Spaziergang auf einem windigen Kamm im Thüringer Wald. Beisammensitzen bei Kaffee und Kuchen, bei Wein und Salaten, bei Fotos von einer Chinareise. Lachen. Die wohltuende Atmosphäre einer Ehe, die schon seit über 20 Jahren glücklich ist.

Meine großen Schwestern gehören zu den Menschen, die ich am allermeisten liebe; die mir am allerwichtigsten sind, mir die Welt erschlossen haben, immer für mich da sind.

Aber durch meine großen Schwestern sind bin ich auch ein drittes Kind, eines, das, wie schon die Märchen wissen, seinen eigenen Weg gehen muss, weil die Welt – die Welt, wie sie uns in unserem Zuhause angeboten wurde – schon ihnen beiden gehörte, als ich meinen Platz finden musste: der beruflichen Erfolg und der bei den Männern; die Kreativität und die glückliche Hand bei der Erziehung der Kinder; Abenteuer und Charisma; die Fähigkeit, Familienbeziehungen zu pflegen und ein Heim voller Wärme zu schaffen; Orgel und Cello –

Jedenfalls kam es mir vor langer Zeit so vor.

Weit fortzugehen, ein paar von meinen Wurzeln abzuschneiden, einen Beruf zu ergreifen, den keiner in meiner Familie versteht – vielleicht war das meine Alternative dazu, mich in Dingen zu versuchen, in denen ich doch nicht so gut hätte sein können wie meine Schwestern.

Jedenfalls erzähle ich sie manchmal so, meine Geschichte vom Fortgehen.

Und so steige ich nach zwei Tagen wieder in meinen Zug, wie immer traurig über den großen Abstand, den die Bahn zwischen uns schaffen wird – und den ich inzwischen – vielleicht – garnicht mehr brauchen würde – den Kopf voller Anregungen, das Herz voller Wärme, den Rucksack voller Reste vom Geburtstagsessen – auf dem Weg zurück in mein – ja, so kommt es mir vor im Vergleich – kompliziertes, baufälliges Dauerprovisorium von Leben; mein eigenes.

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