Berlin im Schnee

Am Samstag haben wir uns tatsächlich einen Schlitten gekauft, der Baumarkt hatte eine ganze Palette und wir waren früh genug da…

Als ich Freunden später stolz davon erzählt habe, wurde ich ausgelacht und als „gut eingebürgert in Berlin“ bezeichnet.  Im Radio waren nämlich schon eine Woche vorher die Schneefälle angekündigt worden – nicht etwa nur im Wetterbericht, sondern verbunden mit der Empfehlung an die Berliner, sich ihre Schlitten rechtzeitig zu besorgen. Das erst am Tag nach dem ersten Schnee zu tun (und sich dabei über die lange Schlange aufzuregen und furchtbar wütend zu werden, wenn man keinen Schlitten mehr bekommt) wurde als typisch berlinerisch dargestellt. – Ist das so?

Jedenfalls waren wir dann sofort rodeln. Wirklich typisch für das Leben in Berlin ist nämlich die wilde Entschlossenheit, aus der jeweiligen Witterung das Beste zu machen. Die Sonne zeigt sich an einem kühlen März-  oder Novembertag? Dann wollen wir im Café draußen sitzen, her mit den Decken und Wärmelampen, wir möchten ein bisschen Sommergefühl. Es hat geschneit, ungefähr einen halben Zentimeter hoch ist liegengeblieben? Raus mit dem Schlitten, wir rodeln, zur Not auch auf den leicht gefrorenen Platanenblättern im Park. Und wenn die besten Rodelhänge in Laufweite diejenigen im Görlitzer Park sind… dann lassen echte Kreuzberger Mamis sich auch nicht davon abschrecken, dass ihre Kinder in der vorabendlichen Finsternis zwischen den Gruppen von Drogendealern hindurchfahren, die dort ihre Ware feilbieten.

Mit ungefähr derselben Einstellung – es liegt Schnee, also nehmen wir den Schlitten, komme was wolle – packte ich dann am Montagmorgen die Kinder für den Weg zur Schule und Kita auf unser neuerworbenes Wintergefährt. Ich habe genau hingesehen: ich war nicht die einzige Mutter, die ihre Kinder ein bisschen echten Winter erleben lassen wollte und den Schlitten so ziemlich ohne Rücksicht auf Verluste über kieselgestreute oder geräumte Wegstrecken zerrte. (Auf matschigen Kopfsteinen rutscht er sowieso prima! Erfahrungswert!)

Inzwischen hat es noch mehr geschneit – und während am Montagmorgen noch der eine oder andere vor seinem Grundstück Schnee wegschippte, haben es an unserer Kita-Strecke die meisten inzwischen aufgegeben und streuen höchstens noch ein bisschen. Morgens gehen wir fröhlich raus, der Dreijährige zieht den Siebenjährigen über den wunderbar festgetretenen Schnee, jedenfalls die ersten 10 Meter, dann wird getauscht… abends leuchtet der Schnee in der Dämmerung, wenn wir nach Hause kommen. Berlin im Winter kann wirklich schön sein.

Und jetzt muss ich nur noch diesen oberschlauen Radiosender finden. Vielleicht hat er ja die perfekte Morgensendung für mich im Programm? Alle zehn Minuten Updates über das Wetter und die aktuellen Störungen bei der S-Bahn. Um sieben Uhr tagesaktuelle Empfehlungen für die witterungsgerechte Bekleidung der Kinder. Mit einer Ideenrubrik „Was machen wir heute “. Und natürlich mit Terminhinweisen… für den rechtzeitigen Kauf von Schlitten, Winterstiefeln, Nikolauskleinigkeiten, Christbaumschmuck, Gänsekeulen und Wunderkerzen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s