Dritter Januar

Die Zimmer der Kinder sehen so chaotisch aus, als wären die beiden nur mal eben nach nebenan gegangen und wollten gleich weiterspielen. Dabei sind sie bei ihren Großeltern. Ferien!

Ein guter Tag zum Alleinsein. Heute zünde ich die Kerze an, die in der Küche auf dem Fensterbrett steht. Sie ist übers Jahr ein wenig staubig geworden. Heute wäre mein Sternenkindchen 5 Jahre alt. Auf meinem Schreibtisch – zwischen den Bildern vom Dreijährigen und vom Siebenjährigen und von meinen drei hübschen Patenmädchen – steht ein Foto. Wer die Geschichte nicht kennt, wer flüchtig hinschaut, hält es für ein Foto eines meiner Söhne, kurz nach der Geburt, schlafend.

Die Kerze und das Foto waren wichtig für mich, damals, in der ersten Zeit, als ich nichts anderes wollte als in das schwarze Loch stürzen, das mein Baby hinterlassen hatte. Mir Igelstacheln wachsen lassen und mich zu einer Kugel zusammenrollen wollte. Mich verkriechen und weinen.

Wieder hinauszugehen, unter Menschen, war schwer. In der Kita hatte es sich schon herumgesprochen, aber nicht zu allen. Ein über die Festtage verschwundener runder Babybauch ist ein Anlass zum Gratulieren, nicht wahr? Andere wussten es und schauten weg. Wenige wussten irgendetwas zu sagen, noch weniger wagten es, Fragen zu stellen.

Ein anderer Weg in dieser ersten Zeit war zum Rückbildungskurs für „verwaiste Babymütter“, so nennt sich das. Hinterher Gesprächsrunde. Ja, es hat geholfen, dass alle dort eine beschissene Geschichte erlebt hatten.

Freunde. Manche waren da, wenn ich sie brauchte. Manche waren überfordert. Manche wollten helfen, aber ihre Bemühtheit war nicht zu ertragen. Ich habe Kontakte abgebrochen, es war ganz leicht, zu spüren, wer mir guttat und wer nicht. Irgendwann habe ich die, die in dieser Zeit wichtig waren, gebeten, mir einen Schmetterling zu basteln. Ein ganzer Schwarm ist es geworden. Ich war nicht alleine.

Arbeiten musste ich erst nach vier Monaten wieder. Das Mutterschutzgesetz erlaubte es, meine Personalabteilung war so nett, mich darauf hinzuweisen. Danach wieder hinzugehen, kostete Mut. Noch einmal Menschen, die nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollten. Mich fragen, wie es mir geht – oder lieber nicht? So tun als wäre nichts gewesen? Durfte man in meiner Gegenwart lachen? Wie laut?

Nicht lange danach wurde ich wieder schwanger. Auf dem Friedhof, noch vor dem Schwangerschaftstest, streichelte ich meinen Bauch und hieß die kleine Hoffnung willkommen. Während ich mich durch die ersten Monate bangte, trug ich Fotos zusammen und Erinnerungen an mein Baby, Schriftwechsel und Texte, klebte alles in ein Album und legte es zur Seite. Weiterleben.

Von Anfang an habe ich mich – ein wenig – mit der Vorstellung getröstet, dass meine Mutter sich um mein Sternenkindchen kümmert. Vielleicht sehen sie heute das Kerzenlicht in meiner Küche. Vielleicht zünden sie auch ein Licht an. Oder was man eben dort so tut, auf der anderen Seite, um einen Geburtstag zu feiern.

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3 Gedanken zu „Dritter Januar

  1. hennarot

    Ja, sie zünden ein Licht an, ganz sicher. Und sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Sehnsucht und Tränen. Ganz sicher.

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    1. ehrlichgesagtistdasmeinleben

      Ja, der Tod macht die meisten Menschen sprachlos, obwohl Worte gerade dann so wichtig und wertvoll sein können. Das Schlussbild ist sehr schön und ein Trost für den betroffenen Leser. Vielen Dank.

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  2. Pingback: Jahresanfang, Teil II | gretaunddasleben

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