Bei der Mondprinzessin

Ohne meine Kinder ist es ganz schön einsam zu Hause. Ich arbeite und komme heim und wundere mich, wieso Müll und Wäsche und Staub sich hier fröhlich weiter vermehren, als ob ich nicht fast eine ganze Woche alleine wäre (habe den Verdacht, dass es bei der Wäsche mit unserer Reise über den Jahreswechsel zu tun haben könnte, aber warum der Müll?); ich gucke in den Briefkasten, Post von meiner Bank und Möbelwerbung und ein Spendenaufruf und Post vom Vermieter (womit habe ich diese Kombination jetzt wieder verdient?); ich schreibe eine lange Liste mit Dingen, die ich tun will, und ich tue sogar einiges von dem, was darauf steht…

Und ich gehe mit dem Inselmann aus.

Einer meiner liebsten Lieblingsorte in Kreuzberg ist das Chandra Kumari. Mondprinzessin heißt das. Und es ist das allernetteste indische Restaurant, das ich kenne, weit weg von der Standarddekoration mit leuchtendroten betroddelten Stoffschirmen und von der Standard-Rahmkäse-in-Spinat-Speisekarte. Stattdessen so abenteuerliche Sachen wie Jackfrucht-Curry und so biologische Sachen wie Rote-Beete-Curry und alles so lecker, dass ich mich jedesmal nicht entscheiden kann, ob ich etwas Bekanntes wieder essen oder etwas Neues ausprobieren möchte.

Und es ist ein Ort voller Geschichten. Ich habe hier schon mit meinen Schwestern gesessen, vor langer Zeit, wir haben einen ganzen Abend geredet, in meiner Erinnerung über Dinge, die wir einander noch nie anvertraut hatten. Mit meinen Kolleginnen, eine große Frauenrunde, Lachen und Scherze. Geschichten über die Kinder zu Hause und die Chefs im Büro. Mit einem Tanzpartner, dem ersten, mit dem ich mich in eine Tanzschule wagte, er war frisch getrennt damals wie ich, die Kinder bei der Mutter, ein trauriger Wochenendpapa. Die von ihm verursachte Discofox-Allergie habe ich bis heute nicht überwunden. Mit einem Bekannten, der mir über einem Karäffchen Wein eine mathematische Formel zu erläutern versuchte, mit der man den Verlotterungsgrad eines Menschen bestimmen könne. Meinte jedenfalls er. Mit guten Freundinnen. Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke werden getauscht, Seufzer, fröhliche Geschichten. Traurige Geschichten, die sich beim Erzählen in etwas verwandeln, zu dem wir lachend Distanz gewinnen.

Der Yogi-Tee in den Metallbechern ist heiß, große schalenförmige Reispfannkuchen werden serviert. Am Nebentisch berichtet eine Kreuzbergerin ihren Freunden von ihrer Heilpraktikerinnenausbildung. Pärchen schauen einander in die Augen, die Kerzen auf den Tischen leuchten, im milden Berliner Januar wird es auch auf den Holzbänken im Fenster nicht kalt im Rücken. Ich bin gerne hier. Und das Essen macht glücklich. Ob die Frau, die sich, als wir zahlen, lächelnd dafür entschuldigt, dass sie unseren Salat vergessen hat, selber die Mondprinzessin ist, nach der das Restaurant heißt? Vielleicht frage ich sie mal.

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