Deutsch, zweite Klasse

Das Lesebuch meines Siebenjährigen ist ziemlich klasse. Man gerät ins Blättern und findet die schönsten Unsinnsgedichte und jede Menge ganz schön spannende Lesetexte. Den über verschiedene Familien (dieses Kind hat nur eine Mama und jenes einen Stiefpapa und ein drittes lebt bei der Oma usw. – eine Familie ist, wo Menschen zusammenleben und sich liebhaben, so das Fazit) habe ich schon vor längerer Zeit entdeckt. In der letzten Woche vor Weihnachten war das Thema Familie dann anscheinend im Unterricht dran. Und, noch besser: mein Siebenjähriger hat mir sogar davon erzählt, nebenher, auf einem etwas hektischen morgendlichen Schulweg, während der Dreijährige auf seinem Laufrad uns abwechselnd hinterherbummelte oder vorwegraste oder ein bisschen neben uns quengelte:

Neulich haben alle Kinder, bei denen etwas besonders ist, von ihrer Familie erzählt, sagt der Siebenjährige. Anscheinend sind das eine ganze Menge. Ich höre von Halbgeschwistern und Stiefgeschwistern, abwesenden alten und angeheirateten neuen Papas und von einer Familie, in der anscheinend – aber vielleicht bin ich auch nur ein bisschen zu weit unten in der Stille-Post-Kette und füge den Missverständnissen meines Sohnes meine noch hinzu – ein Kind lebt, dass überhaupt keine leibliche Mama, sondern nur zwei Papas hat, also, den Papa in der Familie, in der es lebt, und dann noch einen anderen, außerhalb.

Hast Du auch was erzählt? frage ich den Siebenjährigen. Nein.

Ich komme ins Grübeln. Wollten da nur Kinder berichten, die mit interessanten zusätzlichen Familienmitgliedern angeben konnten? Ist eine Familie, die bloß an zwei verschiedenen Orten lebt, nichts, mit dem mein Sohn im Rampenlicht stehen wollte? Oder empfindet er uns garnicht als besondere Familie, weil alle Rollen ganz normal besetzt sind?

Wenn meine Kinder „unsere Familie“ malen – sie malen nicht gerne, aber es kommt vor – dann ist auf dem Bild ihr Papa und ich bin drauf und natürlich die beiden. Mir kommt das seltsam vor, weil ich ja nur mit den beiden zusammenlebe, aber eigentlich ist das schön. Genauso schön wie die entspannten Stunden, die wir an Neujahr mit dem Vater der beiden verbracht haben, bevor er die Kinder mit zu seinen Eltern genommen hat. Während ich das Essen machte, übernahm er meine Rolle im angefangenen Sieder-von-Catan-Spiel  mit dem Siebenjährigen. Der Dreijährige wechselte von seinem Schoß auf meinen und wieder zurück, als wir nach dem Essen noch einen Moment für einen Kaffee hatten.

Vielleicht geht der Plan ja auf. Vielleicht spüren unsere Kinder, dass sie sich nicht zwischen uns entscheiden müssen. Und der Vater der beiden hat mir neulich sogar dafür gedankt (sowas war noch nie…), dass wir das Wechselmodell nun schon mehr als zwei Jahre lang einigermaßen reibungsarm hinkriegen. Das ist doch was.

Besser in jedem Fall, dass ich den beiden tieftraurig hinterherschaue, als sie am Neujahrsnachmittag vergnügt Richtung Bahnhof losziehen; besser, als wenn die beiden verzweifelt wären, dass sie von mir fortmüssen. Wir sehen uns ja wieder, bald schon. Ich bin für sie da. Ihr Vater ist für sie da. Sie spüren es.

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