Randale im Milchsalon

Dass ich gestern mit dem Siebenjährigen in einem Rockkonzert für Kinder war, lag eigentlich nur daran, dass mir damals im Herbst jemand den Link zu einem Lied von Dota Kehr geschickt hat. Die ich dann unbedingt mal live erleben musste, im Heimathafen Neukölln war das. Wo dann ein Werbeplakat für das Kinder-Konzert von Randale hing. Das Logo hatte ich schon mal gesehen, das Ganze hatte irgendwie einen guten Klang – und ein bisschen was muss ich ja auch mal für die musikalische Bildung meines Sohnes tun. Dachte ich. Und dass er nach dem Konzert ganz bestimmt endlich wissen würde, was er als „Lieblingsband“ in die vielen leidigen Freundschaftsbücher eintragen könnte, die in trauriger Unvermeidlichkeit in der Schule kursieren.

Im Werbetext steht, dass uns „richtige“ Rockmusik erwartet  – dass sich Erwachsene schon mal ein Kind ausleihen, um einen Vorwand zu haben, auf eines der Konzerte von Randale zu gehen. Und sie kommen, viele viele Eltern mit vielen vielen Kindern – anscheinend ist die Bielefelder Band bekannt.

Als erstes tauchen die miteinander verabredeten Mütter auf, die ihre kleineren Kinder den Papas auf den Arm gedrückt haben, um „endlich mal wieder rauszukommen“; die ihre Leopardenprintleggins und die Ärzte- oder Ramones-T-Shirts vorgekramt haben, die noch aus einem anderen Leben stammen, dem ohne Kinder. Dann kommen die Familien, bei denen beide endlich mal wieder rauskommen wollen – gutorganisierte Papis und Mamis mit je zwei Kindern; die Babies werden mit Oropax ausgerüstet, die Kleinkinder mit neongrünen Ohrenschützern, Keksdosen kreisen. Und auch ein paar alternative Leute sind plötzlich da, ihre Familien wirken ein bisschen weniger geplant und ein bisschen mehr so, als ob sie bloß mal irgendwann mit der Verhütung nachlässig waren; Oropax haben sie auch nicht dabei, ihre Kinder sind wahrscheinlich an laute Musik gewöhnt.

Und laut wird es, sehr laut. Die Mami, mit der ich auf dem Konzert bin, versenkt schleunigst mehrere Tempotaschentücher in den Ohren ihres Achtjährigen, der genau wie mein Siebenjähriger etwas verschreckt auf seinem Stuhl sitzenbleibt; auch als der Sänger die Kinder auffordert, vorn vor der Bühne richtig „abzurocken“. Und während ich immer mal wieder misstrauisch zum Notausgang schaue – weil ich nicht sicher bin, ob nicht doch eine Razzia des Kinderschutzbundes bevorsteht, bei der allen Eltern, die bei ihren Kindern keine Vorsorge gegen Hörschäden getroffen haben, das Sorgerecht entzogen wird – erklärt der Sänger, der an seiner Moderation und an seiner Musik offensichtlichen Spaß hat, den Kindern ein bisschen Ska und ein bisschen Reggea und ein bisschen Pogo – und wie es auf Rockkonzerten so zugeht.

Die Musik ist richtig gut, die kindgerechten Texte versteht keiner, weil die Gitarren zu laut sind, die Eltern amüsieren sich, die Kinder, die Rockmusik schon kennen, tanzen vorne wild, und mein Siebenjähriger ist derweil ganz fasziniert von den Lichteffekten und den vielen Scheinwerfern, mit denen sie erzeugt werden. Und als es ans letzte Lied und die Zugaben geht, als das Ende absehbar wird, wird er mutig und rockt auch ein bisschen mit, vom sicheren Platz auf meinem Schoß aus. Vermutlich hat er seine Zurückhaltung von seiner Mutter geerbt, ich kann sie ihm nicht vorwerfen.

Als ich ihn hinterher frage, ob ihm das Konzert gefallen hat, sagt er: „Nicht so besonders. Es ging schon.“ Klingt so der Beginn einer großen Liebe zur Rockmusik? Ich tröste mich damit, dass ich ein ehrliches Kind habe. Und es gibt ja auch noch jede Menge andere schöne Musikrichtungen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s