Winternachschlag

Der Winter ist zurück in Berlin, leider reicht der Schnee nicht zum Schlittenfahren. Dafür erwischt uns eine ordentliche Erkältung – und ich kann mich noch nicht mal beklagen, es ist erst die zweite in diesem Winter. Aber sie raubt mir die ganze Woche über die Kraft – die ich bräuchte, um geduldig mit den Kindern zu bleiben, die selber schon ein bisschen angeschlagen und entsprechend unleidlich sind; die ich auf Arbeit bräuchte und im Tanzverein und beim Kinderarzttermin und beim Schulausflug des Siebenjährigen in den Friedrichstadtpalast, zu dem ich mitgehe. Zu Hause bleibt alles liegen, ich schaffe es geradeso, den Tannenbaum aus dem Fenster zu werfen, wahrscheinlich genau einen Tag nach dem zweiten und letzten Abholtermin der Stadtreinigung.

Am Ende der Woche sind dann auch die Kinder krank, und ich liefere sie bei ihrem – ebenfalls kranken – Vater zusammen mit einem Päckchen Medikamente ab, Fiebermittel für den Papa und Inhalierlösung für die Kinder.

Ich selber erlaube mir – ausnahmsweise – eins dieser Multiwirkstoff-Grippemittel, mit denen man die Erkältung ein paar Stunden verschieben kann, ziehe so viele Pullover wie möglich unter meine Jacke und gehe raus. Heute nur minus vier Grad, aber weil in Berlin der Ostwind weht, fühlt sich das viel kälter an. Tief am Himmel ist die Sonne hinter der wattigen Wolkenschicht zu ahnen. Unter der Oberbaumbrücke treiben große Eisschollen. Ein tapferes Grüppchen Blesshühner und ein paar schwarz-weiße Enten paddeln im offenen Wasser. Die Mediaspree-Uferbebauung ist inzwischen soweit fertig, dass man den Weg von der Oberbaumbrücke bis zum Treptower Park fast komplett am Wasser zurücklegen kann. Die glänzenden neuen Gebäude sind noch fremd in der Stadt, hier lebt niemand, nur ein paar Touristen schlendern herum, machen Fotos. Die Sauna am Badeschiff gegenüber, die mich immer an einen meiner Lieblingsfilme – Tom Tykwers wunderbares Märchen „Drei“ – erinnert, weil einige Szenen des Films dort spielen, hat ihre Zelte in diesem Winter nicht aufgebaut. Hinter den Molecule Men steht die matte Wintersonne, das ist auch bei minus vier Grad schön. Zwischen den Stern-und-Kreis-Ausflugsbooten im Hafen am Treptower Park ist die Eisdecke schon fast geschlossen. Ob die Hausboote dahinter auch im Winter bewohnt sind? Möwen kreisen. In der Ferne die Silhouette des alten Riesenrads im Plänterwald. Die Rauchsäulen aus dem Heizkraftwerk gegenüber steigen weit in den Himmel, ohne sich zu zerstreuen.

Zurück nach Hause. Heißes Dampfbad. Tee. Auf dem AB die ersten Zusagen für die Kindergeburtstagsparty am nächsten Wochenende. Ärmel hochkrempeln. Aufräumen. An den Frühling denken.

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