Sammeln Sie Treueherzen?

Das Thema Rabatte hatten wir ja schon, keine Angst, wird nicht wieder aufgewärmt. Aber mir spukt schon lange die Frage im Kopf herum, die einem unvermeidlich gestellt wird, wenn man bei Kaisers einkauft: „Sammeln Sie Treueherzen?“ – Denn wenn man mit offenen Augen und Ohren durch Berlin geht, kommt man irgendwann zu dem Schluss, dass „Treueherzen“ anscheinend nur noch im Supermarkt eine Rolle spielen.

Mein Informant im Prenzlauer Berg ist jedenfalls der Meinung, dass sich die Grenzen der Zweierbeziehung in Hinsicht auf Treue – mindestens in Hinsicht auf sexuelle Treue – gerade auflösen. Das Ganze nennt sich dann „polyamourös“, hat mit diesem klangvollen Namen auch gleich mal den Status eines Trends erhalten und dient als Oberbegriff für allerlei sonderbare Dinge – die zumeist mit dieser unendlichen Sehnsucht so vieler Männer zwischen 40 und 50 nach fremder Haut zu tun haben. Da begleiten Frauen ihre Partner in Swingerclubs, damit diese Sehnsucht nicht hinter ihrem Rücken gelebt werden muss. Da bauen Paare Briefwechsel zu Frauen auf, mit denen sie fröhliche Stunden zu dritt zu erleben hoffen. Da sucht die männliche Bevölkerung dieser speziellen Altersgruppe in großer Zahl über seltsame Internetportale nach dem ultimativen Seitensprung.

Früher durfte man das einfach Midlifecrisis nennen und für ein Problem der Männer halten. Heute ist es anscheinend ein Problem der Frau – meist weniger polyamourös drauf, wie wir Frauen nun mal sind, mit all dem Oxytocin im Blut – wenn sie sich davon verletzt fühlt, dass jeder eigene Mangel zu einem Bedürfnis beim Partner führt, das dieser unbedingt und am liebsten sofort außerhalb der Beziehung befriedigen muss. Sexualität ist eine starke Kraft. Keine Frage. Aber ist nicht auch berechtigt, eine Beziehung leben zu wollen, in der der andere zu mir steht, auch wenn meine Haut hier und da ein bisschen ausleiert? Auch wenn ich älter werde? Nicht perfekt bin? Zu mir steht in meiner Endlichkeit?

Meine ganz große Schwester sagt, es liegt alles daran, dass die Menschen heute nicht mehr religiös sind. Das führt dazu, dass alle der Meinung sind, alles-aber-auch-alles leben zu müssen, hier und jetzt und sofort. Kein Grund mehr, auf irgendwas zu verzichten.

Aber mal weitergedacht: nehmen wir einmal an, dass die Grenzen von Zweierbeziehungen in manchen Großstadtmilieus tatsächlich nicht mehr so eng gesehen werden; dass sexuelle Treue nicht mehr für alle eine wichtige Bedingung für eine gute Beziehung ist. Was ist dann, wenn es plötzlich nicht mehr nur um ein bisschen Haut geht, wenn zwei Menschen sich über die Grenzen einer festen Beziehung oder Ehe hinaus ernsthaft zu lieben beginnen? Dass es hier einen Trend geben soll, die eigene Beziehung von Eifersucht und Verlustangst so sehr zu befreien, dass der Partner auch eine zweite Liebe leben darf, scheint mir dann doch ein bisschen unwahrscheinlich. So etwas mag vorkommen und dann wäre es vielleicht sogar – um nochmal Pi zu zitieren – die bessere Geschichte. Aber in Wirklichkeit wird es auch weiterhin enden, wie es schon immer geendet hat: Mit Ehen, die nach einer Affäre einfach weitergehen, auch wenn die Ränder des Teppichs, unter den alles gekehrt wird, kaum noch den Boden berühren. Oder solchen Ehen, die mit Hilfe der Energie, die der oder die Dritte ins System gebracht hat, wieder flottgemacht werden, bis zur nächsten Havarie. Mit verlassenen Geliebten, die Träume zerbrochen und alle anderen haben gewusst, dass es so kommen würde. Mit verlassenen Ehepartnern, das Leben zerbrochen und unter jedem Schuh 10 Zentimeter nutzlose moralische Überlegenheit. Mit Beziehungen, die auf den Trümmern einer Vorherbeziehung errichtet werden, deren Relikte immer und immer wieder unter den Grundmauern der neuen Beziehung ächzen. Mit Leid.

Lässt das Thema „Treue“ sich für mich auf den oder wenigstens irgendeinen Punkt bringen? Ich weiß nicht.

Irgendwas zu verurteilen fand ich nur einfach, solange es niemanden betraf, der mir nahesteht. Trotzdem möchte ich „Beziehung“ auch weiter mit „Treue“ zusammendenken. Weil ich glauben will, dass eine Beziehung immer ein bisschen mehr bleiben kann als eine liebgewordene Gewohnheit. Und dieses „bisschen mehr“ – nennen wir es mal „Liebe“ – möchte ich für den wirklichen Grund halten, den jemand haben könnte, um nicht alle seine Sehnsüchte ausleben zu müssen; der es möglich machen könnte, darauf zu verzichten, den geliebten Menschen zu verletzten. (Und wenn dieses bisschen mehr nicht mehr da ist – sollte man dann nicht ehrlich sein und gehen?)

Da haben wir sie wieder, die großen romantischen Ideale. Die gehen einfach nicht weg. Warum auch. Sollen sie bleiben, es reicht ja wohl, wenn die Wirklichkeit dann schwierig und kompliziert ist.

Und wer weiß? Vielleicht sind die gesammelten Treuejahre im Himmel – oder so – dann plötzlich doch etwas wert. Vielleicht kann man sie gegen selbstfliegende Koffer einlösen. Oder gegen Tupperdosensets mit Erzengelautogrammen.

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2 Gedanken zu „Sammeln Sie Treueherzen?

  1. guinness44

    Genialer Text. „Irgendwas zu verurteilen fand ich nur einfach, solange es niemanden betraf, der mir nahesteht.“ Sensationeller Satz. Ich habe es im Freundeskreis mitbekommen wie die Freundin, die etwas mit dem verheirateten Mann am Laufen hatte darin unterstützt wurde und man sich aufregte, warum der Mann nicht seine Familie verlässt. Wenn eine andere verheiratete Freundin von ihrem Mann betrogen wurde, dann regte man sich gemeinsam über die böse Ehebrecherin auf. Und im 3. Fall war die verheiratete Freundin diejenige, die sich einen neuen Mann gesucht hat. Das konnten die Freundinnen alle gut verstehen und außer einigen Höflichkeitsfloskeln für den verlassenen Mann kam da nicht viel. Und was lernt man daraus? Jeder Fall ist anders und der Terrorist des einen ist der Freiheitskämpfer des anderen.

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    1. Greta Autor

      Oh, danke für das Lob! Ja, all diese Geschichten, ganz schwieriges Thema. Den Bösen oder die Böse „an sich“ gibts da einfach nicht. Vielleicht ist es das, was man lernt.

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