Unglücklich

Heute sind wir alle unglücklich.

Zum Beispiel ich, über den kalten Winter, in dem ich ausgerechnet die eine Mütze verloren habe, die ich mir über die Ohren ziehen konnte. Über die andere muss ich immer die Kapuze von meinem Lieblingspulli drüberziehen, die ein bisschen spitz ist, damit sehe ich aus wie ein alternativer Gartenzwerg.

Immer noch ich: da ist schon wieder so ein Essensplan im Schul-Mitteilungsheft des Siebenjährigen. Eigentlich kann doch nicht jede Woche so ein Essensplan für einen ganzen Monat auszufüllen sein, wenn es doch – theoretisch – viel mehr Wochen als Monate gibt? Dem Siebenjährigen 20 mal je drei Wahlessen vorzulesen, ist natürlich ein guter Test, ob sich meine Bronchitis schon so weit gebessert hat, dass ich morgen wirklich wieder arbeiten kann. Und da die 60 blumig beschriebenen Wahlessen auf wenig mehr als eine halbe A4-Seite gedruckt sind, ist es auch immer ein prima Test, ob mich die Altersweitsichtigkeit schon erwischt hat.

Aber es macht mich unglücklich, dass dieser Essensplan mir und dem Siebenjährigen heute die Zeit kürzt, die wir zum Vorlesen und gemeinsamen Schwatzen haben. Die brauchen wir heute dringend, der Siebenjährige ist nämlich… unglücklich. So sehr, dass er seinen Bruder am Nachmittag andauernd haut und schubst und ihn ständig zum Weinen bringt. Der nervt mich einfach nur die ganze Zeit. Sagt der Siebenjährige, und dass er von seinem Bruder gerne ganz, ganz weit weg wäre.

Und ich kann ihm nur raten, es einfach zu sagen, wenn er in Ruhe gelassen werden oder allein in seinem Zimmer sein möchte. Aber komme ich an seinen wirklichen Kummer damit überhaupt heran?

Der Dreijährige ist auch unglücklich. Er erklärt mir ausführlich, dass die Eltern seines besten Freundes sich trennen werden, und dass der dann immer einen Tag bei seiner Mama und einen Tag bei seinem Papa sein wird, immer abwechselnd. Das stimmt aber alles nicht – worauf der Dreijährige hinauswill, ist, dass er selber es nicht mag, zwischen seinem Papa und mir hin- und herzuwechseln. Das hat er noch nie so klar gesagt. Mama, sagt er, das wäre schön, wenn du und Papa auch noch zusammen wohnen würdet, oder? Aber ihr habt euch getrennt.

Absehbar wird der Winter vorbeigehen. Mit den Schulessensplänen komme ich gerade noch zurecht. Aber trotz all der Liebe, die ihr Vater und ich unseren Kindern schenken, so gut wir können, wird ihr Kummer über seine und meine Trennung bleiben. Und ich kann ihrem Schmerz nichts, nichts entgegensetzen.

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