Von Hustenviren, Gelassenheit, Erwerbstätigkeit und Matschhosen

Es ist eine dieser Wochen, in denen Viren und Bakterien unseren Alltag – meinen vor allem – zu einem anstrengenden organisatorischen Balanceakt machen, bei dem ich permanent ein schlechtes Gewissen habe. Meinen aktuellen Lieblingsgrund dafür kann ich mir von Tag zu Tag aussuchen. Ich würde gerne bei meinem fiebernden Vierjährigen bleiben. Mein Chef verlässt sich darauf, dass ich wieder arbeite und alle die mehr als dringenden Dinge nachhole, die liegengeblieben sind, als ich selber krank war. Die Kollegin, die mich im Krankheitsfall vertritt, verlässt sich auch darauf.

Ich hadere mit meinem Alltag.

Es hilft nicht wirklich, dass sich ausgerechnet in dieser Woche auf dem Hocker neben der Toilette – dort, wo ich alles sammle, worin ich vielleicht mal blättern oder ein paar Zeilen lesen mag – das Jako-o Familienmagazin einfindet. Unter dem Leitthema „Mehr Mut zur Gelassenheit“ wird da für eine entspannte und unverplante Kindheit mit vielen, vielen Erfahrungen in der Natur geworben. (Und ganz nebenbei für die Matschhosen, mit denen man sich bei Jako-o für derartige Erfahrungen ausrüsten kann.)

Entspannt und unverplant habe ich mich zum letzten Mal wann gefühlt? Ich weiß nicht mehr. Meine Kinder vermutlich auch nicht. Und so richtig viel Natur kriegen wir autolosen Großstädter allenfalls in Verbindung mit einem schweißtreibenden S-Bahn-Abenteuer zu sehen, das sehr gut geplant werden muss, damit auch alle zur Schlafenszeit wieder zu Hause sind.

Habe ich als Großstadtmutter denn keine Chance, es richtig zu machen? Schulde ich meinen Kindern ein Leben als Raumpionier, irgendwo in einem Häuschen in Brandenburg, wo ich – Meilen über Meilen entfernt von jeder beruflichen Chance – unter einem Baum im Garten sitzen und Kinos, Restaurants, meine Freunde und den Anblick des Fernsehturms in der dunstigen Ferne schrecklich vermissen würde, während die Kinder glücklich in den Wäldern umherstreifen? Oder schulde ich den Kindern mein eigenes Glück – den Versuch, ihnen im Vorleben eines über die Rolle als Mutter hinaus erfüllten Lebens ein Vorbild zu sein? Oder wäre ich am Ende selber glücklicher, da draußen, unter dem Baum?

Es wäre traurig, im Grunde ausschließlich deshalb in der Stadt zu leben, weil ich meinen Lebensunterhalt verdienen muss. (Das fühlt sich auch nur im Januar so an. Oder vielleicht bis Mitte März. Fragt mich dann nochmal.)

Apropos: Zum Thema „Lebensunterhalt verdienen“ sinniert der im Jako-o Magazin interviewte Psychologe Andreas Engel: „Ich frage mich aber schon manchmal, warum Menschen Kinder bekommen, wenn sie keine Zeit haben, ihr Aufwachsen zu erleben und sich an ihnen zu erfreuen.“

Hatte ich erwähnt, dass mein Chef Niederländer ist? Ich glaube, er musste ein Intensivtraining in interkultureller Kompetenz absovieren, um mit all den deutschen Müttern in seinem Team umgehen zu lernen, die nach der Geburt ihrer Kinder mindestens ein Jahr zu Hause bleiben und dann auf unabsehbare Zeit nur 20 oder 30 Wochenstunden arbeiten wollen. Seine Frau ist wenige Wochen nach der Geburt auch ihres zweiten Kindes wieder zur Arbeit gegangen, ganztags. Das ist dort so. Vielleicht werden da auch die Psychologen anders ausgebildet und sagen in Interviews dann andere Sachen.

Und ich – mit meinem komplizierten Alltag zwischen Fieberthermometer und Telefonkonferenz – und mit diesem Baum in Brandenburg in meinem Kopf – natürlich ist dort Sommer, der Garten trägt Früchte, ohne dass ich mich daran erinnern kann, ihn umgegraben zu haben, Mücken gibt es keine, die Kinder lachen irgendwo im Hintergrund, in ihren bunten Matschhosen – frage mich, warum einem sogar unter der Überschrift „Mehr Mut zur Gelassenheit“ dann wieder so viele Anregungen für ein schlechtes Gewissen geliefert werden.

Vielleicht lese ich lieber nicht weiter. Sondern werfe das Heftchen einfach in den Müll. Ganz gelassen.

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