Zeitzone Alltag

Alles grau, wie lange geht das eigentlich schon so? Von der Berlinale bekomme ich nichts mit, die Krawalle in Berlin könnten auch auf einem anderen Stern stattgefunden haben. Ich lebe in dieser ganz speziellen Zeitzone, in der Zeit und Kraft geradeso für meine Arbeit reichen, für die wenige Zeit mit meinen Kindern, für die Planung des jeweils nächsten Tages und dafür, ihn hinzubekommen, möglichst ohne Ibuprofen (ja, immernoch erkältet).

Ich schleppe meine Einkäufe nach Hause und versuche mir vorzustellen, wie es aussehen würde, wenn alle Wochenendeinkäufe, die ich jemals gemacht habe – Brote in Tüten und Milchpackungen und eingeschweißte Käse und Minitomaten und Waschmittelflaschen und Reistüten und Kaffee und Gurken und Aufbackbrötchen – irgendwo stehen würden, wie groß die Fläche wohl wäre. Ich räume die abgespülten Brotdosen meiner Kinder weg und stelle mir einen riesigen Tisch mit all den Vesperbüchsen vor, die ich je vor Morgengrauen gefüllt habe. Ich sehe die Wäsche auf dem Ständer hängen und frage mich, wie groß ein Haufen mit all den Sachen wäre, die ich in den letzten Jahren weggelegt und gebügelt habe. Das ist durch und durch deprimierend, so darf man das Leben eigentlich nicht betrachten, noch nicht mal Mitte Februar.

Aber wenn der nächste Meteorit genau hier einschlagen würde – was würde von mir übrig bleiben? Nur ein paar Erinnerungen. Ein paar Worte, falls der WordPress-Server mehr als einen Meteoritenverwüstungsradius von hier entfernt steht, davon gehe ich mal aus. (Wo stehen sie eigentlich, all die Server mit all den Daten? Unter Tage? In Wüsten? In abgeschotteten Lagerhallen?)

Mir zu sagen, dass ein Meteoritenschlag ausgerechnet hier nicht gerade wahrscheinlich ist, ist heute auch nur ein bisschen tröstlich. Denn über und neben und hinter all den Wochenendeinkäufen und Brotdosen und Wäschekörben der letzten Jahre sehe ich ziemlich deutlich auch die, die noch kommen werden, Myriaden virtueller Kräuterquarkbrote und Apfelschnitze, ganze Hallen voller Lebensmittel, die heute noch garnicht produziert sind, Berge zukünftiger Socken und Pullis und Hosen und Handtücher. Es mag eine Illusion sein, zu glauben, man wüsste, was der nächste Tag bringt… aber warum behalte ich dann so oft recht mit meinen Erwartungen?

Ob es helfen würde, Zen zu praktizieren, diesen ganzen Alltagskram mit Achtsamkeit in etwas zu verwandeln, das Bedeutung hat?

Vielleicht muss man ja auch nur fest genug daran glauben, dass dann und wann auch nochmal etwas Unerwartetes geschehen wird. Obwohl man dabei – vielleicht – das Risiko eingeht, am Ende doch so etwas wie einen Meteoriten anzulocken, Zerstörung und Schmerz.

Advertisements

5 Gedanken zu „Zeitzone Alltag

  1. wildganss

    Die Überschrift ist gut gewählt!
    Ich muss mir auch in all dieser Gräue meine immer wieder nach mir greifenden Leichtdepressionen per erarbeiteter Ressourcen vom Leibe halten…
    Diese Lebensereignisse stellst Du in eine hoffnungslose Reihung, das kann nicht gut gehen, aber ich bin sicher, Du arbeitest dran….schon dieser Blogartikel….
    Oder?
    Gruß von Sonja

    Gefällt mir

    Antwort
    1. Greta Autor

      Liebe Sonja, genauso ist es: schon über sie zu schreiben schafft Abstand zu den depressiven Gefühlen. Schön passend finde ich Deine Formulierung: man muss sie sich vom Leibe halten, immer wieder… Ich weiß es ja, dass sich alles auch wieder leichter oder gar leicht anfühlen wird. Danke fürs Verständnis und fürs Nachfragen und Gruß von Greta

      Gefällt mir

      Antwort
  2. meineschreibblockadeundich

    In Bayern ist Grau inzwischen auch keine Farbe mehr, sondern ein Zustand. Und das seit – zumindest gefühlt – Monaten!
    Ich versuche ja gerade, mit Meditation dagegen anzugehen, kann bisher aber keinen Unterschied feststellen. Wahrscheinlich hilft nur „Augen zu und durch“.

    Herzilchst
    Marie

    Gefällt mir

    Antwort
  3. MeinWald

    Ein paar Tage sind ja jetzt schon vergangen seit dem Artikel und ich hoffe, die Sonne oder zumindest etwas Licht hat sich auch bis zu Euch durchgekämpft. Ich schicke auch gern welche von hier aus dem Süden…aber das reicht dann warscheinlich doch nicht.
    Auf jeden Fall wünsche ich dir eher nette Überraschungen!

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s