Gottes Perspektive

Der Vierjährige stellt gerade die ganz existenziellen Fragen. „Wer ist eigentlich Gott?“ – das wollte er schon vor einer ganzen Weile wissen und war nicht zufrieden damit, dass ich versuchte, mich um eine klare Aussage zu drücken, ob Gott nun eigentlich ein Mann oder eine Frau ist. Neulich überlegte er, wo wohl die ganzen Bäume herkommen. Aus den Samen. Und der erste Baum? Oder, ein anderes Mal, ganz unvermittelt beim Mittagessen: Wenn ich gestorben bin und vergraben werde, komme ich dann wieder auf die Welt?

Ich gebe zu: ich neige zu poetischen Erklärungen. Ich hätte gerne, dass meine Kinder ein Urvertrauen in eine gute Macht ins Leben mitnehmen, vielleicht würde ich dieses Vertrauen gerne selber wiederfinden, indem ich ihnen von einem guten Gott erzähle. Und dass er es war, der sich den ersten Baum ausgedacht hat, und überhaupt alles. Und dass das, was in uns lacht und weint, bei diesem Gott weiterlebt, wenn wir sterben und – um es mit den Worten des Vierjährigen auszudrücken – vergraben werden.

Meine Familie – reichlich Theologen, ich selber gehöre nicht dazu – sieht meine religiösen Bemühungen mit Skepsis und versorgt uns – sicherheitshalber – mit der entsprechenden Literatur. Ich weiß nicht, wie viele Noah-Bücher wir eigentlich haben, bin aber sehr sicher, dass ich kein einziges gekauft habe. Ist diese Geschichte denn wirklich gut für Kinder geeignet, nur weil sie sich so nett mit vielen exotischen Tieren illustrieren lässt? Wir lesen sie nicht, ich würde mich sowieso vor dem Moment fürchten, in dem der Vierjährige darauf kommt, dass all die anderen Tiere ja nicht gerettet werden. Und die anderen Menschen. Wie erkläre ich das dann?

Und da sind wir auch schon bei meinen eigenen Zweifeln an dem, was ich irgendwann mal selber zu Hause vermittelt bekommen habe, mittendrin.

Wenn man mit der Berliner S-Bahn nach Osten rausfährt, kurz vor Adlershof, kommt man an einem alten Bahngelände vorbei. Früher fuhr der Zug dort entlang, mit dem ich vor vielen Jahren nach Berlin reiste, um meine mittelgroße Schwester zu besuchen. Das alte Bahngelände wurde nicht mehr genutzt, aber die Schienen waren noch da, verborgen im hohen Gras, und zwischen den alten Gleisen viele, viele Straßenlampen, die das Gelände einst beleuchtet hatten. Beim Vorbeifahren sah man diese Lampen scheinbar kreuz und quer auf dem großen Feld stehen. Aber es gab einen Moment, in dem man vom Zug aus sehen konnte, dass sie in Wirklichkeit in langen Reihen angeordnet waren. Ganz kurz. Dann war der Zug daran vorbei, die Reihen verschoben sich gegeneinander, die Ordnung war nicht mehr zu erkennen.

Damals dachte ich immer: dieser eine Moment, in dem man die Ordnung erkennen kann… das ist Gottes Perspektive.

Viel später fuhr ich die Strecke häufiger, mit der S-Bahn, in die andere Richtung, zum Friedhof, auf dem mein zweites Kind begraben ist. Ungefähr zu derselben Zeit wurde das alte Bahngelände geräumt, die Schienen und Lampen entfernt. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es sie gibt, die Perspektive, aus der alles einen Sinn ergibt. Ich glaube, ich möchte garnicht, dass Leid einen geheimen Sinn hat, es ist schlimm genug, dass es existiert.

Wahrscheinlich bekommen meine Kinder auch meine Zweifel mit. Und das ist sicher gut. Manchmal bin ich vielleicht auch ein bisschen zu schnodderig mit meinen Antworten. Neulich haben wir morgens einen Bibelspruch vorgelesen (das machen wir dann und wann, weil auch das Spruchbüchlein ein Geschenk meiner mich liebenden und ein kleines bisschen um mein Seelenheil besorgten Familie ist) von Jesus, der „gekommen ist, um das Verlorene zu finden“. Mit verlorenen und verschlumperten Sachen kennen meine Kinder sich bestens aus. „Woher weiß der denn, wem das gehört?“ fragte also sofort und folgerichtig der Vierjährige. Nein, es war nicht mein religionspädagogischer Tag. Vielleicht hat er ja überall rumgefragt, habe ich geantwortet. Oder einen Zettel bei Kaisers ans schwarze Brett gehängt.    

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3 Gedanken zu „Gottes Perspektive

  1. wildganss

    Genau in diesem Alter wie der kleine Allesfrager fragte mich der eine Sohn: Mama, war ich vor meiner Geburt auch tot?
    Die haben doch was – diese Fragen….
    Ich bin auch nicht gläubig, hatte aber kein Problem damit, sogar große Freude daran, meinen Grundschulkindern im Religionsunterricht all die uralten Bibelgeschichten zu erzählen- habe einfach gedacht, dass es zum Kulturgut gehört….gebetet habe ich mit ihnen nie…und Zweifel immer zugelassen. Die Kinder haben die Geschichten als Geschichten regelrecht aufgesaugt, hingebungsvoll Bilder dazu gemalt. Es war gut.-

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  2. MeinWald

    Dein Bild von „Gottes Perspektive“ gefällt mir gut.
    Auch wenn ich weder christlich erzogen worden bin, noch an DEN EINEN Gott glaube.
    Ich finde mich schon lange gut in den Fragen der Kinder wieder. Sie gehen das noch so direkt an und ihre Ideen finde ich immer wieder interessant.
    Auch um weiterhin darüber nachzudenken, WAS ich denn nun wirklich selber „glaube“…
    Liebe Grüsse nach Berlin!

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