Montagmorgen in der S-Bahn

Morgens gegen acht ist die S-Bahn immer voll. Wenn ich nur einen Stehplatz kriege, mag ich mein eigenes Buch nicht aus der Tasche holen, stattdessen werde ich neugierig, was die anderen lesen. Ich würde mich gern als Teil eines Teams zur qualitativen Mediennutzungsforschung ausgeben und ganz genau aufschreiben, was die Leute lesen und was sie für Musik hören und was sie auf ihren kleinen mobilen Endgeräten (Endgeräten? Anscheinend heißt das wirklich so. Wessen Ende?) für Spiele spielen, aber das traue ich mich nicht. Stattdessen mache ich lange Augen.

Unauffällig tränkt eine junge Frau hinter der Handtasche auf ihrem Schoß ein Wattepad mit Nagellackentferner und bearbeitet ihre Hände damit. Eine andere beugt sich über eine Karte von Nicaragua, ihre Nachbarin liest einen Frauenroman, anscheinend. (Schon seltsam, dass man das Genre eines Buches meistens erraten kann, wenn man ein paar beliebige Zeilen gelesen hat – ) Ein älterer Herr löst ein Sudoku, winzig auf dem Bildschirm seines Smartfons. Neben ihm ist eine Studentin mit Unterlagen zum Thema „Richtiges Zitieren“ beschäftigt. (Eindeutige Ambitionen auf ein politisches Amt!) Ein Mann mit dichtem Bart ist in einen Text mit der Überschrift „Die wichtigste Priorität in meinem Leben“ vertieft.

Inzwischen ist die Frau ihm gegenüber mit dem Entfernen ihres Nagellacks fertig und hat sich ein paar kopierte Seiten mit Zeichnungen von enthäuteten Köpfen vorgenommen. Medizinstudium? Die Karte von Nicaragua ist in einem Reiseführer von Costa Rica. Zwei Thriller mit blutigen Covern in Sichtweite, eine Tageszeitung, eine zerlesene Zeitschrift. Ich erhasche einen Blick auf den Umschlag des Frauenromans, er ist von Charlotte Link.

Weil der Mann mit den Sudokus aussteigt, kann ich mich endlich hinsetzten. Schräg gegenüber ein Mann in Schwarz, eine viel zu dünne Jacke über dem Kapuzenpulli, auch er hört Musik, die ist bestimmt schön. Die Frau neben ihm trinkt mit einem Strohhalm Multivitaminsaft aus einem kleinen Tetrapak und sieht aus, als käme sie irgendwoher, wo es viel sonniger und wärmer ist als vor den S-Bahn-Fenstern.

Ich sitze mit großen Augen in der Bahn, Mediennutzungsforschung reicht mir eigentlich garnicht. Ich möchte viel mehr wissen. Wieso sie alle hier sind, gerade an diesem tristen Montagmorgen. Wohin sie unterwegs sind, woher sie kommen; die langen und banalen, traurigen und schönen, überraschenden und komplizierten Geschichten der Menschen neben mir.

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9 Gedanken zu „Montagmorgen in der S-Bahn

  1. dietauschlade

    Wir Menschen: was wissen wir voneinander?
    (Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon)

    ich glaube, morgen früh werde ich viel aufmerksamer die lektüre der s-bahn-mitreisenden in den blick nehmen. mal gucken, welche vielfalt sich da auftut. (und falls ich nicht beobachterin bin, werde ich die sein, die in Neutras ‚Gestaltete Umwelt‘ versunken ist… :o))

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      1. Greta Autor

        Amseln sehe ich dafür viel zu selten 😉 Ja, sooo viele Leute… die man ansehen und denen man Geschichten andichten kann. Wie viele Menschen in der Großstadt nebeneinandergehen und trotzdem in ihren ganz eigenen Welten leben, von denen man keine Ahnung hat – das ist faszinierend. Und manchmal erschreckend.

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