Radio bildet doch

Eigentlich habe ich es ja nicht so mit den Medien.

Mich haben schon Leute als sonderbar bezeichnet, weil ich so ganz ohne Spiegel Online und Facebook und sogar ohne Fernseher mein Dasein friste. Aber würde es meinen Tag schöner machen, wenn ich weiß, ob dieser oder jener B-Politiker sich für oder gegen sexuelle Belästigung ausspricht? Wenn ich alles über die neueste Reality-Show erfahre? (Im Dschungel? In der Arktis? Im Uranbergwerk? Oder wo schicken sie die Leute heute hin?)

Aber so ganz lässt sich dieser Luxus des Nichtwissens natürlich nicht durchhalten, schon allein wegen dem Wetterbericht schalte ich dann doch mal morgens das Radio ein, damit meine Kinder einigermaßen witterungsgerecht bekleidet sind und die Erzieherin in der Kita mich nicht so streng anguckt.

Und manchmal ist es dann direkt interessant, was das Radio einem an einem ganz normalen Dienstagmorgen zwischen sieben und acht so bietet. Radio Eins widmet gerade eine ganze Woche der Frauenquote. Und sie reichern das Thema mit allerlei Informationen an, die mir im Kopf hängenbleiben. Wie lange kramt eine Frau in ihrem Leben durchschnittlich in ihrer Handtasche? 76 Tage. Wie viel Zeit verbringt dieselbe durchschnittliche Frau in ihrem Leben in der Küche? 3,2 Jahre. Während ich noch nachrechne, ob das stimmen kann, fängt die Werbung an, und mir bleibt fast die Zahnbürste im Hals stecken. Mit unverhohlenem Enthusiasmus in der Stimme verkündet da einer: „Plötzlich geht doch beides! Fremdgehen und Treubleiben!“ Kann diese Werbung ernsthaft an Frauen gerichtet sein? Dann wohl doch eher nicht, es geht um Bier. Aber für Frauen haben sie auch einen Spot, gleich hinterher. Eine der Berliner Tageszeitungen versucht ihre weibliche Leserschaft mit einer Serie zur Fitness im Frühling zu vergrößern. Irgendwie weniger toll.

In den Nachrichten geht es darum, dass jeder EU-Bürger ein gesetzliches Recht auf ein Girokonto erhalten soll. Aber sie sagen nicht dazu, ob die Menschen ohne Girokonto hauptsächlich Frauen sind. Wahrscheinlich wurde das Gesetz sowieso von der Lobby der Internethändler eingebracht. Unser lieber Berliner Oberbürgermeister präsentiert sich als Retter der East-Side-Gallery, aber welcher aus Schilda zugezogene Bezirkspolitiker hat eigentlich die Abrissgenehmigung erteilt? Hallo?

Eigentlich bin ich schon fast aus der Tür, aber dann muss ich doch noch den einen Beitrag anhören, der tatsächlich inhaltlich zur Frauenquotenwoche gehört. Sie stellen diese 24-Stunden-Kita in Schwedt vor (die finanziert sich wahrscheinlich über bezahlte Interviewtermine), die gerne als Musterbeispiel für eine Infrastruktur genannt wird, die es Frauen ermöglichen soll, Beruf und Familie zu vereinbaren. Ich schalte das Radio aus und springe los, Richtung Büro. Mir macht dieser Kita-Beitrag Bauchschmerzen. Ich schüttele den Kopf, wenn ich von Kitas in den alten Bundesländern höre, aus denen die Kinder zum Mittagessen abgeholt werden müssen, wie soll das denn gehen? Aber ich möchte auch keine 24-Stunden-Kita für meine Kinder haben. Würde das den Druck nicht einfach nur verlagern – den Arbeitgebern jeden Anlass nehmen, sich Gedanken über familienfreundliche Bedingungen zu machen, den Frauen aber aufbürden, ihre Kinder zu jeder Tages- und Nachtzeit betreuen zu lassen, einfach weil die Möglichkeit besteht und die Präsentation (der Jahresabschluss, der Bericht, das Projekt, der Artikel, der Entwurf, das Irgendwas-ist-immer) deshalb unbedingt heute noch fertig werden muss?  

Wenn sie jemals Bier an Frauen verkaufen wollen, sollten sie es jedenfalls mal so versuchen: „Plötzlich geht doch beides! Als entspannte Mutter viel Zeit mit Ihren Kindern verbringen. Und erfolgreich in Ihrem Beruf sein.“ Ich nehme einen Kasten. Prost!

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8 Gedanken zu „Radio bildet doch

  1. Karen

    Hm… hier sind 24-Stunden-Kitas ja relativ normal – also nicht so normal, dass es die nun allerorten gäbe – aber nicht so selten, dass sie sich über bezahlte Interviews finanzieren könnten. 😉
    Sie werden eben gebraucht: für Schichtarbeiter. Und ich glaube nicht, dass man einen Platz dort kriegt, weil die Mama auf Druck des Chefs noch nächtliche Überstunden macht. Aber Überstunden macht hier sowieso keiner. Wer Kinder hat, geht 16:00 Uhr nach Hause. Spätestens. 🙂

    (http://myyratohtori.wordpress.com/2012/03/22/247/)

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    1. Greta Autor

      Und das wird allgemein so akzeptiert, 16 Uhr??? Wenn ich morgen und übermorgen meinen kranken Sohn zu Hause betreue, dann wird schon irgendwie erwartet, dass ich den Rechner gelegentlich einschalte und das allernötigste trotzdem mache. Gerne auch abends.
      Ist eine sehr schwierige Frage, wann ein Betreuungsangebot – oder das Angebot, auch von zu Hause aus zu arbeiten – berufliche Möglichkeiten schafft und Familien entlastet, und wann es wieder neuen Druck aufbaut. Pauschal verdammen wollte ich die 24-Stunden-Kitas nicht, nur diese Ambivalenz ausdrücken.

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      Antwort
      1. Karen

        Ja, das wird so akzeptiert. 🙂 Der Ähämann kann sich fürchterlich darüber aufregen, dass alle um vier die Pipette fallen lassen – gern auch mitten im Experiment. (Das ist dann natürlich die Kehrseite.)

        Ich erinnere mich mit Grausen, wie wir uns vor unserem Umzug nach Finnland im Institut des Ähämannes verabschieden waren und dort gerade eine Doktorandin aus dem Mutterschutz zurückkam (Schon allein, dass sie es gewagt hatte, während ihrer Doktorarbeit schwanger zu werden, war ein Eklat…) und verkündete, sie werde ihre Arbeitszeiten jetzt ein bisschen ändern: sie werde fortan schon um acht anfangen, damit sie um vier gehen und ihre Tochter abholen könne. Alle schauten sie entgeistert an, und der Professor sagte ein wenig süffisant: so werde es ja wohl nichts werden mit ihrer Doktorarbeit. (Sie ging dann kurz drauf mit ihrem Mann nach Dänemark… wo sie sich vermutlich derlei Dinge nicht anhören muss, auch mit mittlerweile drei Kindern nicht.)

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      2. Greta Autor

        Ich staune immer mal wieder darüber, wie sich von Land zu Land die Erwartungen daran unterscheiden, wie man bitteschön Beruf und Familie zu vereinbaren hat. Nochmal danke für die Denkanstöße! Liebe Grüße Greta

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