Rettungsstelle

Langer Gang, zwei Reihen grautürkiser Pfosten mit Lampen oben drauf. Erhöhte Quadrate mit Papierkörben an jeder Ecke, zwischen den Papierkörben jeweils vier Sitze. Menschen mit erschöpften Gesichtern und Sorgenfalten, keiner liest. Selbst wenn jemandem danach wäre: die Zeitschriften könnte schon jemand in den Händen gehalten haben, der irgendeine eklige ansteckende Krankheit hat. Den Gang runter ein öffentliches Telefon, ein Getränkeautomat.

Ein Handwerker presst eine blutige Hand in ein großes Stück Mull, eine junge Frau sitzt zusammengekrümmt da, ein Stück weiter ein älteres Ehepaar, der Mann beruhigt seine nervöse Frau.

Wer mit Herzbeschwerden kommt, wird in den Bereich hinter der Anmeldung geführt und mit einem Überwachungsgerät verkabelt, zwischen Schiebewänden, ein blauer Vorhang wird zugezogen. Draußen vor dem Vorhang laufen die Schwestern, Pfleger und Ärzte vorbei. Irgendjemand stöhnt, regelmäßig, schmerzvoll. Eine Frau wird von einer Ärztin über ihre bevorstehende Herzkatheteruntersuchung aufgeklärt. Eine Schwester fragt eine verwirrte Patientin nach ihrem Alter und dem Jahr, das wir gerade haben.

Irgendwoanders im Krankenhaus – im Wartebereich für irgendeine Untersuchung – liest eine Patientin einer anderen von einem Krankenhausbett zum anderen ihre Diagnose vor, die Mundwinkel von zwei tiefen Falten nach unten gezogen, bemüht, die Bedeutung der medizinischen Ausdrücke zu verstehen, zu begreifen, was mit ihr ist und mit ihr werden wird. Wie alle hier. Die beiden Frauen unterhalten sich eine Weile über Vorderwandinfarkte und Hinterwandinfarkte; eine Unterhaltung, die in einem Ausruf– einem Ausruf aus den Tiefen eines infarktgebeutelten Herzens – mündet: Ach, ist das Leben Scheiße!

Zurück in der Rettungsstelle. Der Handwerker hat inzwischen einen dicken Verband um die Hand, die junge Frau hat ein Medikament erhalten und geht, das ältere Ehepaar sitzt noch immer da, die Frau besorgt: Ich soll hierbleiben… und nun warten wir schon so lange. Haben die kein Bett für mich? Das gemeinsame Warten und Bangen verbindet, Gespräche beginnen, man wünscht einander alles Gute. Ich darf gehen. Packe einen Bericht ein, meine Beschwerden und Fragezeichen nehme ich auch wieder mit, aber die Angst kann ich hierlassen, die wird im Krankenhausmüll entsorgt, zusammen mit Einweg-EKG-Pads und gebrauchten Kanülen und Gummihandschuhen und Verbandsmaterial, an dem ein wenig Blut klebt.

Über den Gang rollen zwei Sanitäter eine leere Liege aus einem Rettungswagen, ausgestattet mit zahllosen Apparaten, Kabeln und Schläuchen, unglaublich viel Technik. Man kann kritische Fragen an die moderne Medizin stellen, manchmal tue ich das. Aber was hier geleistet wird, täglich, freundlich und ermutigend, angesichts von Schmerz und Verzweiflung und Angst… das kann ich nur bewundern, dafür kann man nur dankbar sein.

Zwei Tage später habe ich den Flyer einer Spendenorganisation im Briefkasten: „Geben Sie Hoffnung auf morgen. Mit ihrem Testament“.  Wieso ausgerechnet jetzt?  Das ist beinahe makaber.

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2 Gedanken zu „Rettungsstelle

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