Reset

Nicht weiter denken als an den Tag, der gerade ist. Wie gut das tut. Ich schaue in den Schnee, der aus dem fastblauen und später aus dem wolkengrauen Berliner Himmel fällt. Ich fange ganz langsam von vorne an, mit einfachen Dingen. Freue mich über ein Bad, das ich nehmen kann, ein Essen, dass ich mir koche, an der Musik, die ich höre.

Nach ein paar Tagen geht es schon wieder besser. Ich kriege es hin, die Kinder morgens in Schule und Kita zu bringen und nachmittags wieder abzuholen und eine ganze Stunde Konversation mit anderen Eltern auf dem Kita-Basar zu machen – auf dem tatsächlich bunte Eier und vorgezogene Petersilie und große bunte Filzblumen verkauft werden und nicht Weihnachtssterne und Schneemänner. Ich sitze zwischen all den anderen, unterhalte mich, kriege kein Herzrasen mehr (das ist großartig), während meine Kinder links und rechts von mir mit Schokoladenkuchen krümeln und mir dann mein restliches Kleingeld abluchsen, für bunte Schachteln und noch mehr mit Glitzersteinen beklebte herzförmige Schlüsselanhänger.

Ich sammle Geschichten. Von der anderen alleinerziehenden Mutter aus der Nachbarschaft, die monatelang Betablocker schlucken musste, als ihr älterer Sohn in die Pubertät kam. Von der Freundin, die mehrere Wochen mit Herzschmerzen krankgeschrieben war, als ihre Chefin sie zu mobben begann. Gute Ratschläge sammle ich auch. Such dir endlich einen anderen Job. Da an der Ecke – wo früher der Schuhladen war – gibt’s jetzt eine gaaaanz tolle Heilpraktikerin. Wenn ich Herzbeschwerden hätte, würde ich sie aufstellen (ein Hellinger-Fan). Geh mal zum Orthopäden. Ich kann dir die Adresse von meiner Homöopathin geben. Du brachst eine Großmutter, da gibt es doch Großelternprojekte für Alleinerziehende.

Vielleicht. Vielleicht denke ich über all das nach, bald. Heute denke ich nur an heute.

 

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3 Gedanken zu „Reset

    1. Greta Autor

      Du bringst mich ins Nachdenken! Geschichten werden mir nicht zu viel, glaube ich. Geschichten verbinden mich mit anderen Menschen: beim Zuhören und beim Erzählen, bei dem aus dem eigenen Erleben eine Geschichte wird. Ich lebe mein Leben, und beides gehört dazu. Was zuviel wird (war, in den letzten Wochen), ist eher auf der Seite des „Lebens“ – weil es so vieles gibt, was ich gern leben möchte… Schöne Ostertage für Dich! Liebe Grüße Greta

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