Vor Ostern

Vielleicht sollte ich nächstes Jahr die Fastenzeit doch irgendwie begehen. Was wären Dinge, auf die ich auch mal verzichten könnte, bei denen es schwer fällt und irgendwie sinnvoll wäre? Schokolade? Internet? Tierische Lebensmittel? Schlaf? Also: so viel Schlaf, wie es kosten würde, mich eine halbe Stunde still hinzusetzen und auf den Sinn des Lebens und den von Ostern zu besinnen?

Eigentlich kommt mir dieser Gedanke jedes Jahr. Aber jedes Jahr erst kurz vor Ostern, wenn das Fest näherrückt und ich plötzlich denke, dass ich mir die Osterfreude eigentlich durch ein bisschen Fasten verdient hätte haben müssten.

Ja, da steckt sie, irgendwo tief drin, die protestantische Erziehung. Als ich letztes Jahr meine Kinder nur bis zum Ostersamstagmorgen bei mir hatte, habe ich am Karfreitag mit ihnen Ostereier gefärbt und bemalt und Zweige aufgestellt. Für Ostern geschmückt am Karfreitag! In meiner Kindheit wäre das ein absolutes No-Go gewesen. Zum Glück gab es jemanden, der wusste – und mir glaubhaft versichern konnte – dass Gott die gemeinsame Ostervorbereitungsfreude von mir und meinen Kindern auch wichtiger fand.

Wegen irgendeiner Klausel aus dem Kleingedruckten unseres Wechselmodells sind die Kinder in diesem Jahr an Ostern wieder bei ihrem Vater, sogar mit ihm bei den Großeltern ganz-weit-weg. Dass sie mit den Großeltern schon Eier suchen werden, bevor ihr Vater sie ins Auto packt und auf der hoffentlich noch leeren Autobahn hoffentlich heil wieder nach Berlin bringt, heißt andererseits nicht, dass ich nichts vorbereiten müsste. Werden wir dieses Jahr eben am Ostermontag Eier färben und verstecken und suchen und essen.

Also kaufe ich ein bisschen ein. Schokoladenhasen und Schokoladeneier, die so aussehen, als ob sie mir schmecken würden (zu Hause stellt sich heraus, dass ich – die sich immer bei allen Verwandten beschwert, dass die Kinder viel zu viel Süßes geschenkt bekommen – so viel eingekauft habe, dass mir schon von dem Anblick der ganzen feinen Sachen die Hose zu eng wird). In meinem allerliebsten Thüringer Backbuch habe ich das Rezept für Rhabarberkuchen rausgesucht, aber als ich alle anderen Kuchenzutaten im Wagen habe, erfahre ich von der Verkäuferin, dass es Rhabarber erst ab Mitte nächster Woche gibt. Ganz schlechtes Timing. Was noch? Eierfarben. Ein Zehnerpack weiße Eier, die man bei uns im Kiez nur beim vietnamesischen Gemüsehändler bekommt, weil es in der Kaufhalle nur noch die braunen gibt, die auch dann öko aussehen, wenn sie aus Käfighaltung kommen. Dafür – das weiß ich, seit ich für die Kita mein Soll an Eiern ausgepustet habe und aus den übriggebliebenen Spiegeleier machen wollte – haben die weißen Eier vom Gemüsehändler zwei Dotter, jedes einzelne. (Ukrainische Eier! sagt der Inselmann fasziniert. Oder Japanische!) Und ich kaufe zwei Bündel Kirschzweige, genug, um daran auch dieses Jahr wieder all die gebastelten oder gekauften oder bemalten oder geschenkten Eier unterzubringen, die an Ostern einfach alle aufgehängt sein müssen.

Und sonst? Ansonsten werde ich viel, viel Ruhe haben. Vielleicht gibt es wieder eine Osterandacht um fünf Uhr morgens auf dem Friedhof. Vielleicht gehe ich sogar hin. Denn dort möchte ich an Ostern glauben.

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