Waldfriedhof

In den letzten Jahren haben wir vor Ostern immer das Grab bepflanzt. Dieses Jahr ist daran nicht zu denken, aber ein paar Blümchen will ich hinbringen, auch wenn dicke nasse Schneeflocken mir um die Ohren wirbeln, als ich losgehe.

Der Waldfriedhof ist tatsächlich ein friedvoller und zu jeder Jahreszeit schöner Ort. Heute hat der Neuschnee sich auf jeden noch so kleinen Zweig der vielen alten Bäume gesetzt. Ein Winterwunderwald! Die Schneedecke ist beinahe unberührt, auch auf den Wegen sind nur wenige Spuren im Neuschnee.

Rechts steht eine Gruppe dieser neuen Grabsäulen, die nur ein ganz kleines bisschen wie Fünf-Sterne-Dixiklos aussehen. Inzwischen sind in viele der kleinen Marmorplatten, fünf oder sechs übereinander sind es an allen vier Seiten so einer Säule, Namen eingraviert. Weiter vorn anonyme Grabflächen, umgeben von Kerzen und Blumen. Urnengrabstellen auf der anderen Seite des Weges, und direkt vor mir sind die Flächen mit den großen Grabstellen. An Sträußen aus Zweigen hängen bunte Plastikeier. Hier und da flackern Grablichter, erfrorene Tulpen hängen wie nasse Wäschestücke über die Ränder der Vasen. Auf vielen Gräbern stehen Fotos der Verstorbenen, halbverdeckt von Schnee.

Gegenüber dem Dorffriedhof, auf den wir früher jeden Samstag Blumen zum Grab meiner Oma brachten, hat nicht nur die Vielfalt an Bestattungsmöglichkeiten zugenommen, sondern auch die Art sich verändert, in der Menschen ihre Gräber gestalten. Und eigentlich finde ich das gut: dass Trauernde neue, persönliche Formen finden, ihre Gefühle auszudrücken und den Menschen zu würdigen, um den sie trauern – und sei es für seine Liebe zum Sport. Es gibt tatsächlich einen Grabstein, an dem ein paar aus Stein gemeißelte Fußballschuhe hängen. Aus dem gleich daneben ist eine Tischtenniskelle herausgearbeitet. Und auch wenn mein Verhältnis zu Gipsengeln eher von Zurückhaltung geprägt ist – ich kann es verstehen, wenn Menschen ihren Lieben einen Engel an die Seite stellen wollen. Wenn sie ein steinernes Herz aufs Grab legen, auf dem „In Liebe“ steht.

Auf der Rasenfläche, auf der seit letztem Jahr die neuen Gräber angelegt werden, gibt es drei, die auf diese besondere Weise geschmückt sind, in der Eltern die Gräber ihrer toten Kinder gestalten. Bunte Windräder leuchten im Schnee. Schmetterlinge. Bastelarbeiten.  Eine Laterne ist mit ausgeschnittenen Papierschneeflocken geschmückt, auf denen die Namen der Kinder irgendeiner Kitagruppe oder Schulklasse stehen, die um das Kind trauert, das zu ihnen gehört hat. Ein neues Grab dieser Art bringt mich immer noch zum Weinen. In ein paar Monaten – einem Jahr vielleicht – werden die leuchtenden Farben der Windräder von der Sonne ausgeblichen sein. Die laminierten Fotos werden sich wellen, die Gipsengel ein wenig verwittern. Das Leben der Eltern – auch wenn es nie mehr wie vorher sein wird – wird weitergehen, anderswo, auch das ist richtig.

Das Grab meines Kleinen ist so tief eingeschneit, dass Gesteck und Laterne kaum noch zu erkennen sind. Ich stecke ein paar Rosen in den Schnee. Am Friedhofsausgang drängen sich die dicken grünen Gießkannen an ihren Einkaufswagenhalterungen zusammen (Niemals ohne ein Zwei-Euro-Stück zum Friedhof gehen! Das lernt man schnell -) und warten auf ihren Einsatz. Der optimistische Friedhofsgärtner hat ein Schild rausgehängt, auf dem steht, dass er ab 2. April öffnen wird.

Auf den Werbeplakaten entlang der S-Bahn ist Frühling.

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4 Gedanken zu „Waldfriedhof

  1. wildganss

    Nicht nur einmal habe ich Deine Friedhofsbeschreibung gelesen. Sie hat mich durch gute und traurige und jahreszeitlich bedingte und Herzens-Dinge geführt. Auch das Bild mit den zusammen geschlossenen, derzeit nutzlosen Gießkannen……….Es war, als hätte ich in einem kleinen, zahlreiche Assoziationen gebenden Buch gelesen…
    Gruß von Sonja

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  2. MeinWald

    Mir geht es wie Sonja!
    Kindergräber berühren mich ganz besonders… beim Lesen deines Textes hab ich schwer zu schlucken und bei Gabriela bin ich auch immer wieder sehr berührt. Warscheinlich weil es auch meine eigenen Ängste berührt..

    In der Normandie sah ich übrigens den extremsten Grabstein: eine marmorne Harley für den auf ihr verunfallten Fahrer…das Teil dazu in doppelter Übergrösse!
    Herzlich bea

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    1. Greta Autor

      Das ist wirklich extrem! Aber ein kleines, Auto gibts auf dem Waldfriedhof auch schon oben auf einem Grabstein. Das wollte ich im Text lieber nicht erwähnen, weil ich mir da dann doch unsicher war, wie ich es finde.

      Liebe Grüße Greta

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