Kindermuseum

Wenn der Achtjährige schon mal Ferien hat und ich nicht arbeiten muss – dachte ich – dann müssen wir was unternehmen, was Schönes. Um draußen was zu machen, ist es zu kalt. Peterchens Mondfahrt in der Sternwarte schaffen wir nicht, weil das schon morgens um zehn ist und die Geschichtsführung für Kinder im Deutschen Historischen Museum dauert 90 Minuten, ist also nix für den Vierjährigen, der ja auch mitmuss. Also gehen wir ins „Labyrinth Kindermuseum“, dort haben sie eine Ausstellung über „ferne Länder und Kulturen“. Warum nicht. Natürlich hat der Achtjährige keine Lust auf ein Museum und gerade heute am allerwenigsten. Wir gehen trotzdem.

Und natürlich ist es schön – als wir einmal dort sind. Der Vierjährige entdeckt sofort den Kranhaken hoch über unseren Köpfen, Überbleibsel einer ehemals industriellen Nutzung des hohen und hellen Raumes. In der großen Halle gibt es einen kleinen „Marktplatz“ mit einem Stand, an dem Kinder sich mit exotischer Kleidung aus aller Herren Länder ausstaffieren können; mit einer Hütte, in der man das Plastikgemüse vom Marktstand zubereiten kann; einem Bänkchen, an dem man ausprobieren kann, wie sich ein Schuhputzer fühlt. Und viele, viele Kinder. Mit all den Großstadteltern, die heute auch gerne etwas Schönes unternehmen wollten.

Wir stürzen uns ins Gewühl. Im Schulzimmer probieren wir ein Memory mit thailändischen Buchstaben aus, auf der Baugalerie versuchen wir, ein in Ringe zersägtes Bambusrohr zusammenzusetzen; wir bestaunen durch Gucklöcher in einem Schrank Bilder von Kindern aus aller Welt. Das Riechquiz mit exotischen Gewürzen finde ich auch sehr spannend – jedenfalls so lange, bis ich an die vielen Nasen denke, die hier schon geschnuppert und dabei sicherlich Vertreter mindestens genauso exotischer Virenstämme hinterlassen haben. Das mongolische Knöchelorakel macht den Kindern Freude, ist aber nicht so optimistisch, was mich betrifft: „Auch wenn Du keinen Erfolg hast – gibt weiter Dein Bestes“. Hmm. Als wir uns auf der Picknicktreppe niederlassen, werden unten wilde afrikanische Rhythmen getrommelt, die den Achtjährigen zum Tanzen bringen. Und den Vierjährigen dazu, sich die Ohren zuzuhalten.

Später kaufen die Jungs am Marktstand ein und bekochen mich. Das Speisezimmer ist mit tibetischen Gebetsfahnen und einem Spiegel mit arabisch anmutenden Verzierungen geschmückt; auf dem niedrigen Tisch steht der Samowar. Als meine Söhne mir Schaumstoffsushis und Spielpizza servieren, stellt sich ein solides Berliner Multikultigefühl ein.

Und was kommt bei den Kindern an? Faktenwissen über die eine oder andere Kultur kann hier nur ein Kind erwerben, dessen Eltern den passenden Begleittext zu all dem im Kopf haben, was hier kunterbunt durcheinander angeboten wird. Aber dass das Leben, wie wir es kennen, nicht das einzig mögliche ist; dass es Menschen gibt, die anders wohnen und essen und schreiben und sprechen und sich anders anziehen und andere Dinge tun als wir… das kann der Achtjährige sich schon vorstellen. Und ein bisschen von diesem „anders“ auszuprobieren, macht auch dem Vierjährigen schon Spaß.

Am Ende können die beiden sich kaum von dem Korb mit den vielen bunten Fahnen trennen, die an einer kleinen Stange gehisst werden können. Zu welchen Ländern sie gehören? Das weiß ich auch nicht.

Und dann gehen wir nach Hause. Wir haben was erlebt.

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2 Gedanken zu „Kindermuseum

  1. wildganss

    Kann man wohl sagen, dass Ihr was erlebt habt! Deine Jungs haben es gut- sie müssen nicht permanent vor der Glotze hocken oder an Dingern rumklicken und Ruhe halten. Das müsste man direkt dem Jugendamt melden, so in der Richtung Goldenes Beispiel…..Jedenfalls erfreut das mein Familientierherz….wahrscheinlich hast Du auch so eins!?
    Gruß von Sonja

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    1. Greta Autor

      Och ja, ein Stückchen Familientier steckt in mir drin, klar… vor allem kann ich mit den beiden allmählich mehr unternehmen und entdecke gerade staunend, was in Berlin alles für Kinder angeboten wird…
      Lieber Gruß von Greta

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