Slowfood im Hamsterrad

Meine erschöpfungsbedingte Arbeitspause ist vorbei. Die vage Hoffnung, dass sich im Büro während meiner Abwesenheit irgendetwas von selber erledigt hat, hat sich nicht erfüllt, im Gegenteil. Die hohen gedanklichen Stapel all dessen, was dringend, asap, vorgestern oder spätestens bis morgen 9 Uhr erledigt sein muss, schwanken gefährlich im Frühlingswind, der, leider immernoch ein wenig eisig, durch das gekippte Fenster in den Raum weht.

Ich brauche ein bisschen Ablenkung  – ganz passend fällt mir das neueste Spiegel-Wissen Heft („Einfach leben. Die Kunst sich selber zu finden“) in die Hände. Ja, um den Arbeitsdruck – und die übermäßige Beschleunigung des Lebens und den dadurch erzeugten Stress – geht es darin auch. Nicht dass die Autoren dieses speziellen Beitrages wirklich Ratschläge geben, was man anders machen könnte, sie wissen wohl, dass man es sich erst mal leisten können muss, sich selber zu finden. Eine gesellschaftliche Diskussion beginnen und sich der Problematik bewusst sein, das schlagen sie vor. Hmmmm.

Aber dann ist das Heft doch voll von Geschichten über Menschen, die irgendetwas anders machen (und sich dabei anscheinend auch selber gefunden haben): die sich der Décroissance-Bewegung anschließen (dabei geht es nicht um Blätterteig, sondern um ein bewusst schlichtes Leben), entschleunigen, simplifyen, aus ihren abgelegten Kleidungsstücken etwas neues schneidern lassen oder sich gleich aus schwedischen Militärschlafsäcken genähte Designerjacken kaufen oder garnichts mehr kaufen oder in einer „Transition Town“ („Transition“ meint den Übergang in eine nicht mehr vom Öl abhängige Gesellschaft) lokales Obst und Gemüse züchten. Nur ein paar Beispiele von vielen.

Mit glänzenden Augen sitze ich in der S–Bahn. Oh ja, all das leuchtet mir ein. Ich möchte auch so leben, die Welt auch ein bisschen retten, der Geist ist willig, aber sowas von!

Leider vergesse ich die guten Vorsätze gleich im Gemüseladen und trage Mangostücke (nicht direkt aus der Region) in einer Plastikverpackung (pfui!) nach Hause. Dort war in meiner Abwesenheit wieder niemand da, der ein wenig geputzt hätte, stattdessen scheint ein Stamm von Anti-Heinzelmännchen randalierend durchgezogen zu sein. Der Vater meiner Kinder hat mir zwei Beutel voller Kleidung und Schuhe in die Wohnung gestellt  – Wechselmodell-Service. Meistens versteckt er tief unten in einem dieser Beutel allerdings noch einen dringend auszufüllenden Essensplan, die Aufforderung der Schule, irgendetwas bis morgen zu basteln oder eine List mit wichtigen Terminen (heute auch). Abendessen vorbereiten muss ganz schnell gehen, es ist schon wieder so spät. Als die Kinder endlich schlafen, höre ich den Balkon flüstern: Bepflanz mich, bepflanz mich! Ich bin dein kleines Stadtgartenprojekt! Aber ehe ich auch nur die Kresse auf dem Fensterbrett gießen kann, quatschen die Steuerformulare dazwischen und behaupten, allemal dringender zu sein. Und dann ist der Tag zu Ende. Am nächsten Morgen beginnt alles von vorn.

Ach, sie treffen einen Nerv mit ihrem Heftchen! Wer möchte das nicht: einfach leben und sich dabei selber finden? Aber diese Woche kriege ich das nicht mehr hin. Diese Woche schaffe ich es höchstens… mir der Problematik bewusst zu sein. Hmmmm.

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9 Gedanken zu „Slowfood im Hamsterrad

  1. meineschreibblockadeundich

    Ach ja … *seufz*
    Mangels anderer Möglichkeiten schicke dir ein paar mitfühlende Abendgrüße.

    Herzlichst
    Marie
    (auch die Steuer noch vor sich herschiebend)

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  2. cloudette

    achja, kenne ich auch irgendwoher, also das mit dem Vergessen guter Vorsätze, weil sich der Alltag mit allem Möglichen dazwischenschieb. Das Einzige, was bei mir hilft: kleinere Schritte vornehmen … (zumindest ist das mein derzeitiger Plan).

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    1. Greta Autor

      Das ist ein guter Plan! Ab und zu ist ein Quentchen Kraft übrig, um etwas anders zu machen. Oder ein bisschen langsamer. Oder gelassener. So denk ich mir das auch… Liebe Grüße Greta

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  3. MeinWald

    So geschrieben liest sich das lustig, was es aber bestimmt nicht immer ist.
    Dass ist das Aussteigerleben aber auch nicht : )
    Das kann ich dir aus Erfahrung bestätigen. Da sind so tolle Familienausflüge wie euer Museumsbesuch ein Traum. Es hat eben alles sein für und wieder.
    Denn wenn man nach dem 15-Stunden-Aussteigerarbeitstag müde in die Couche fällt, so denn man eine hat, dann ist es mit der Selbstfindung schwierig, weil das Selbst dann so müde ist, dass es sich irgendwo im Inneren schon Stunden vorher darnieder legte;
    Ich will nicht sagen, dass es nicht toll ist so zu leben, ich habe es geliebt. Aber es war ein verdammt hartes Leben. In dem auch vieles auf der Strecke blieb…und ich habe dann manchmal von der Zeit in der Stadt geträumt, als ich ins Museum ging oder ins Kino 😉

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    1. Greta Autor

      Liebe Bea, was für ein Aussteigerleben hast Du geführt? Und ist Dein Leben „im Wald“ (?) jetzt ein guter Kompromiss? Nein, ganz aus der Stadt heraus zieht es mich nicht, die würde ich schnell vermissen. Hier anders zu leben – mit mehr Muße für „die wichtigen Dinge“ – das wäre schön. Aber: man muss sich das leisten können. Erst mal Lotto spielen also 😉

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      1. MeinWald

        na dann: bonne chance 😀
        das Aussteigerleben betreffend:
        Ich habe mit dem Exmann und den beiden grossen Mädchen 8 Jahre oben in den Bergen gelebt. Mit einer Ziegenherde, Hühnern, Pferd, Esel und grossem Garten, Brotbacken, Käsemachen, Wäsche von Hand waschen usw 7km vom nächsten Dorf entfernt, 20 min zu Fuss von der Strasse hoch…
        Der Wald war da überall, aber den hatte ich schon immer um mich und hab es auch heute noch, dort wo ich den Kompromis lebe: im Dorf und einer regelmässigen Vollzeitarbeit nachgehend.
        Ob es ein guter Kompromis, ist weiss ich nicht. Aber kräftemässig schon. Und es war vor allem für die Kinder irgendwann wichtig leichter Kontakt mit Gleichaltrigen zu haben…
        Voilà 😉

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      2. Greta Autor

        Liebe Bea, danke, dass Du von Dir erzählt hast! Bin sehr beeindruckt: von Deinem Leben „ganz anders“… bei mir muss der Mut ganz langsam wachsen, auch der für die ganz kleinen Schritte. Liebe Grüße Greta

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  4. patchworkmama2013

    tja, meine steuererklärung verharrte ganz still und unauffällig in ihrem winterschlaf, bis du von ihr gesprochen und sie damit geweckt hast. jetzt meldet sie sich jedesmal, sobald ich die wohnung betrete! selbst laute musik hilft nicht im geringsten, um ihre mahnende stimme los zu werden!

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