Räuber und Banditen

Wenn man nichts anders vorhat – den Bananensaft schon eingekauft, schon festgestellt, dass der Bastelladen zugemacht hat, in dem man buntes Wachs kaufen hätte kaufen können, mit dem der Achtjährige eine Kerze zum Geburtstag seines Papas verzieren wollte und nachdem man eine orangefarbene Kerze gekauft hat, die der Achtjährige mit dem weißen und goldenen Wachs verzieren kann, das zu Hause noch übrig ist – und nachdem einem eingefallen ist, dass man aus der neulich aus Versehen gekochten Hirse (aus Versehen zu viel Hirse kochen kann ja jeder, aber aus Versehen Hirse kochen, wenn ein ganzer Stapel frische duftende türkische Fladenbrote neben dem Herd liegt, das ist mal wieder preisverdächtig) unbedingt Hirsepuffer machen muss – wenn man also an einem Tag wie heute nichts weiter vorhat… dann kann man sich auch mal einen Schlüsseldienst bestellen.

Unser Schlüssel war ziemlich rücksichtsvoll.

Anscheinend hat er schon länger unter Materialermüdung gelitten (ach, wie gut ich ihn verstehe) – niemand hat ihn mal eine Weile krankgeschrieben. Und heute ist er einfach abgebrochen, als er im Türschloss steckte. Netterweise erst, als die Tür schon offen war. Panik! Was tun? Im Schloss stochern, was auch nicht hilft. Den Schlüsseldienst anrufen. Was muss das für ein feiner Job sein, immer mit Leuten, die dankbar seufzen, wenn er erscheint…

Wenn man dem netten Herrn vom Schlüsselnotdienst glauben kann, hatten wir nicht nur damit Glück, dass unser Schlüssel erst bei offener Tür abgebrochen ist (sonst hätte er nämlich das Schloss aufflexen, die Tür eintreten oder das Haus abreißen müssen), sondern vor allem damit, dass der Schlüssel überhaupt endlich mal abgebrochen ist. Unser Schloss, erklärte er mir, war so unsicher, dass jeder gutgeschulte Einbrecher es mit wenig mehr als zwei spitzen Fingern hätte aus der Tür ziehen können. Und Glück natürlich damit, dass er mir einen zehnprozentigen Rabatt auf den allerbesten aller Türschlosszylinder anbieten könne, um den Einbrecher einen weiten Bogen schlügen, der mit keinem menschengemachten Werkzeug zu beschädigen sei und zu dem es eine Sicherheitskarte mit meinen biometrischen Daten gebe, die verhindern würde, dass Freunde und Bekannte, denen ich einen Schlüssel zu meiner Wohnung geben würde, sich heimlich einen ebensolchen nachmachen könnten. Ich überlegte eine Weile, stellte fest, dass ich nur Freunden und Bekannten meinen Schlüssel gebe, die sich auch gerne einen nachmachen dürfen, und wählte die zweitbeste Version, um ein wenig zu sparen.

Obwohl die Kosten für das neue Schloss am Ende zwischen all den Anfahrtspauschalen und Abfahrtspauschalen und Treppenhochkommepauschalen und Rüstzeitpauschalen und Montagepauschalen und der Mehrwertsteuer kaum noch ins Gewicht fielen. Nein, es kann doch kein schöner Job sein, ständig mit Menschen, denen das Lächeln vom Gesicht friert, wenn sie die Rechnung sehen.

Und als ich mir die später dann noch genauer angesehen habe, war ich unserem Schlüssel gleich noch viel mehr dankbar. Dass er nicht am Abend, bei Nacht oder am Wochenende abgebrochen ist. Da gibt es dann noch hübsche nette Aufschlagsfaktoren. Und wenn ein Schlüssel am Wochenende nachts kaputtgeht, während man draußen vor der Tür steht und nicht reinkommt… dann werden alle Einzelposten wahrscheinlich miteinander multipliziert. Einfach deshalb, weil man keine andere Wahl hat, als den Schlüsseldienst zu bezahlen.

Aber dankbar war ich am Ende trotz allem auch dem Herrn vom Schlüsseldienst. Wir können die Wohnung doch wieder verlassen! Hurra!

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2 Gedanken zu „Räuber und Banditen

  1. meineschreibblockadeundich

    Ach nö, oder? Du kriegst es im Moment ja wirklich aus allen Richtungen! Aber eurem Schlüssel wäre ich an deiner Stelle auch dankbar gewesen für all die Rücksichten, die er genommen hat. Das steht fest!

    Herzlichst
    Marie

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