Drei Herzschläge lang

Jetzt ist er endlich da, der Frühling! Das erste warme Wochenende, vor einer Woche lag noch Schnee.

Heißt: Friedhof, Grab bepflanzen. Netterweise mit dem Papa meiner Kinder und mit seinem Auto, und dann fahren wir noch im Baumarkt vorbei, weil ich Erde für den Balkon kaufen will. Erde und… Hornspäne zum Düngen. Erde und Hornspäne und… Kräutertöpfe. Erde und Hornspäne und Kräutertöpfe und… eine Paprikapflanze. Nach dem „Ich packe meinen Koffer“- Prinzip wird meine Wunschliste wird immer länger, sobald wir – was für eine schöne spontane Idee – in Richtung Baumarkt unterwegs sind. Fast wie eine ganz normale Familie stehen wir mit dem vollbeladenen Wagen an der Kasse, nur der Achtjährige findet es wichtig, genau zu verstehen, welche Sachen Papa bezahlt und welche Sachen Mama bezahlt.

Frühlingsbeginn – heißt ich und 120 Liter Erde allein auf dem Balkon. Drei Stunden Arbeit, drei Tage (voraussichtlich) Rückenschmerzen und den ganzen Sommer über – hoffe ich – Wachsen, Blühen, Ernten. Ob die in der Schule gekeimten und am warmen Kinderzimmerfenster verwöhnten Bohnen den böigen Wind überleben? Ob Brunnenkresse in einer Tupperdose wachsen wird? Ob die Lilien, die schon aus der Erde spitzen, in diesem Jahr mehr Triebe haben werden – wie es die Lilienzwiebelverkäuferin versprochen hat? Die jetzt leere Kiste, in der Salbei und Erdbeeren überwinter haben, eine Plastikfolie und 40 Liter Erde stehen für nächstes Wochenende bereit, dann baue ich mit den Kindern ein Kistenbeet, in dem wir „richtig“ Gemüse ziehen können. Klappt es also doch noch mit dem Stadtgartenprojekt…

Und Frühlingsbeginn heißt: Drei Maschinen voller Winterjacken (-mützen, -handschuhen, -schals – und nicht vergessen: die vielbenutzten Schneehosen) waschen, heißt alle Fenster zur Südseite putzen, weil die so schrecklich schmutzig aussehen, wenn die Sonne reinscheint, heißt die Kiste mit Sommersachen vom Hängeboden holen. Heißt „Ah!“ und „Oh!“ rufen: Fast vergessene Kleider! Kurze Hosen! Lieblings-T-Shirts! Sommerröcke zum Tanzen!

Sonntagmittag sitze ich schon draußen zwischen den Kästen mit frisch gepflanzten Hornveilchen, in der Hand den Kaffeebecher, die Beine in der Sonne. Im Nachbarhof spielen Kinder, meine sind nicht dabei, die fahren im Wald mit ihrem Vater Rad. Mir kommt eine Gedichtzeile von Susanne Auffahrt in den Sinn: „Drei Herzschläge lang / sind Geschöpfe und Dinge in Frieden“. Ich zähle sie nicht, aber es sind heute viel mehr als drei.

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