Frühlingstag

Halb sechs kommt der Achtjährige zu mir ins Bett. Mama, Du musst doch eh gleich aufstehen! Wenigstens ist es schon hell.

Auf dem Schulweg zeigen die Jungs mir Blausterne, Hyazinthen und Tulpen; wir gehen den Weg am Kanal entlang, das Wasser spiegelt den blauen Morgenhimmel. Auf der Baustelle ist ein Kran aufgestellt worden, das kostet uns fünf Minuten; als wir endlich weiterlaufen, erzählt der Vierjährige den Rest des Weges voller Begeisterung von einem „Eckendrehkran“, den er sich gerade ausdenkt und der seinen Ausleger „einklappen“ (gerade eines der  Lieblingswörter des Vierjährigen) kann.

Nachmittags sitzen wir im Hinterhof, nackte Füße im Sand; wir bewundern auf dem Balkon die Keime, die sich – rekordverdächtig schnell – in den Töpfen zeigen, in denen ich Winden und Brunnenkresse gesät habe. Als ich Abendessen mache, stellt der Achtjährige Musik von Firewater an, die Jungs tanzen wild und ich auch ein bisschen, später sind sie aufgekratzt, als sie ins Bett sollen.

Anscheinend hat der Vierjährige die Flüssigseife gut vertragen, die er heute von seiner Hand geleckt hat. Der Achtjährige musste unbedingt noch zusehen, wie ich das Flusensieb saubermache – alle Arbeiten, bei denen irgendetwas aufgeschraubt wird, sind für meine Jungs unendlich faszinierend. Im Flusensieb eine verrostete Münze, aber leider nicht die Schraube, die neulich einen äußerst geschickten Sprung vom Regal in den kleinen Spalt zwischen Trommel und Waschmaschinenrand getan hat. Schade.

Als meine Kinder dann irgendwann doch schlafen, gehe ich noch mal auf den Balkon. Am Himmel noch ein Hauch blassblaues Abendlicht, ein paar Wolkenschleier bilden ordentliche Streifen, als hätte dort oben jemand mit einem großen Besen Frühjahrsputz gehalten. Helle Fenster leuchten freundlich, Nachbarn sitzen schon draußen und unterhalten sich leise. In der Ferne fährt die S-Bahn vorbei; die Flügelschläge eines verspäteten Vogels erschrecken mich, vielleicht ist es die Krähe, die mich vom Baum gegenüber neulich lange misstrauisch gemustert hat, unsicher, ob sie es wagen konnte, im Hof nach Essbarem zu suchen, während ich zusah.

Es ist mild. Eine Fledermaus huscht lautlos vorbei. Zwischen den Wolken ein beinahe halber Mond und ein einzelner Stern.

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