Sieben oder acht

Wochenende. Der Vierjährige hat Halsschmerzen, beim Pullern tuts ihm irgendwie auch weh. Der Achtjährige braucht Pyrcon, zum Glück kann er das selber in der Apotheke abholen, denn mir grummelts im Magen, so sehr, dass ich nur einen Wunsch habe: im Bett zu bleiben. In der Wollstrumpfhose und meinem allerdicksten Pullover, weil ich so friere. Vielleicht ist es ja EHEC, ich habe gestern Sprossen gekauft (nein, keine fertig gekeimten, sondern die Samen zum Selberansetzen – aber man weiß ja nie). Jedenfalls werde ich gegen Sprossen wahrscheinlich monatelang eine Abneigung hegen, genau wie gegen die Radieschen und das leckere Brot, auf die ich gestern noch Heißhunger hatte.

Meinem Chef am Montag zu erklären, dass ich nach zwei (in Worten: zwei) Wochen Arbeit schon wieder krank bin, nimmt einen der vorderen Plätze auf der Liste der Dinge ein, die ich absolut nicht tun möchte. Also trinke ich Kamillentee, esse Zwieback, habe jede Art von Krankheiten absolut satt und… hoffe auf ein Wunder.

Während ich mit den beiden Jungs beim Essen sitze – zu matt, um auch nur darüber nachzudenken, ob ich es in Ordnung finde, dass sie eine lange Leitung aus dicken und dünnen Strohhalmen zusammenstecken und kichernd über den Tisch hinweg damit telefonieren – fällt mir der biblische Pharao mit seinen sieben Plagen ein. Ok, da waren auch noch ein paar schlimmere Sachen dabei. Und Heuschrecken und Frösche. Sowas gibt es hier nicht – außer man zählt den Star mit, der es auf den Salbei auf dem Balkon abgesehen hat, hartnäckig wieder und wieder Blätter abrupft und im Schnabel davonträgt. Wahrscheinlich sind seine Kinder auch krank.

Aber halten wir zur Sicherheit fest: Pharao ging es schlechter als uns. Der hatte ja auch ein ganzes Volk versklavt. Obwohl ich – denke ich, während ich trübsinnig meinen Kamillentee schlürfe – gerade heute auch ganz gerne ein kleines versklavtes Volk im Schuhschrank hätte. Jemanden, den ich zwingen könnte, den Kindern Essen zu kochen. Mit ihnen Memory zu spielen. Jemanden, der die gewaschenen Gardinen wieder aufhängt und sich um die vielen Schlüppis kümmert, in die der Vierjährige kurz vor dem Klo grad immer reinpullert. Und vor allem jemanden, den ich von Montagmorgen bis Freitagnachmittag (das würde meinem Chef gefallen, zur Abwechslung) an meinen Bürostuhl ketten könnte, in Griffweite ein paar Flaschen Wasser und das Möhre-Walnuss-Brot, von dessen Geruch mir gerade so elend wird.

Dann könnte ich sie alle in Ruhe aussitzen, die Plagen. Sieben oder acht oder neun, wie viele es in der kommenden Woche eben werden.

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Ein Gedanke zu „Sieben oder acht

  1. patchworkmama2013

    ich hoffe, das wunder ist eingetreten und es geht dir wieder besser oder dein chef hat gesagt: „na klar, kein problem, nehmen sie sich ruhig noch zwei wochen, die hauptsache ist doch, dass sie wieder richtig gesund werden.“

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