Berliner Mauerweg. Erinnerungen

Bei meiner technischen Begabung – bzw: bei meiner fehlenden technischen Begabung – ist es eine große Leistung, dass ich diese Woche komplett selbständig die Kette an meinem Fahrrad geölt habe. Zu sowas überwinde ich mich nicht ohne einen guten Grund: Ich habe vor, am Wochenende fortzusetzen, was ich im letzten Jahr mit einer Freundin angefangen habe – wir fahren gemeinsam den Berliner Mauerweg.

160km lang war die Grenze um Westberlin. Heute ist ihr Verlauf ausgeschildert und als Radweg befahrbar – ein Weg, auf dem man sich ein Stück Geschichte begreiflich machen kann, auf dem man die Ausmaße des früheren Westberlins abfahren, sich das Ausmaß der Teilung klarmachen kann, die zwar nun schon viele Jahre zurückliegt, ohne die Berlin aber nicht die Stadt wäre, die es heute ist. 

Im letzten Jahr sind wir im Südosten gefahren und durch die Innenstadt – Strecken, auf denen man ganz unterschiedliche Seiten von Berlin sieht.

Im Süden endet die Stadt noch immer wie abgeschnitten. Der Mauerweg – in unaufdringlichem Grau beschildert – führt dort durch lichte Waldstreifen, die – wenn man darauf achtet – die richtige Höhe haben, um seit der Wende auf dem Mauerstreifen gewachsen zu sein. Auf der einen Seite, irgendwo hinter den Bäumen, die verschlafenen Südviertel von Berlin, von denen man nichts sieht, wenn nicht ein unverständlicher Schlenker den Weg eine Weile durch kleine Kopfsteinpflasterstraßen zwischen idyllischen Ein- oder Mehrfamilienhäusern führt. Auf der anderen Seite – irgendwo hinter den Bäumen – das flache Land, von dem man auch nichts sieht – nichts außer ein paar Feldern, hinter denen es aber Dörfer mit kühlen Dorfkirchen unter alten Linden gibt und fein sanierte Gasthöfe, in denen die Berliner ihre Landlust ausleben und Sternemenüs schlemmen. Zwischendrin der Mauerstreifen mit seinen Bäumen; der Mauerweg wenig befahren in diesem  Abschnitt. Man umfährt Rudow im Südosten, wo die Grenze zwischen Stadt und Land von Ponyhöfen gebildet wird, hinter denen riesige graue Wohnblocks in den Himmel ragen. Surreale Bilder. Noch später wird der Mauerweg durch die nagelneuen Lärmschutz- und Grünanlagen rund um das neugebaute Schönefelder Autobahnkreuz geführt, dann entlang des Teltowkanals, zwischen der Autobahn auf der einen Seite und dem Kanal, an dessen anderen Ufer Industrieanlagen ineinander übergehen. Der Weg ist auf dieser Strecke so glatt asphaltiert, dass die Skater beinahe so schnell wie die Autos auf der Autobahn in Richtung Stadt sausen.

Vollkommen anders unsere zweite Tour, die durch die Innenstadt mit all den Highlights von Berlin führt, die man so kennt – zwischen denen ich aber vorher nicht überall einen räumlichen Zusammenhang hätte herstellen können. Von der S-Bahn-Station Willhelmsruh aus den Nordgraben entlang, durch Sträßchen mit schönen Altbauten zur Bornholmer Straße. Über der Bornholmer Brücke der Himmel so groß wie nirgendwo sonst über Berlin. Weiter in den Mauerpark  mit seinem Flohmarkt und seinem Open-Air-Karaoke, wo Prenzelberger Papis mit ihren Kindern herumtollen, Studenten müde von ihren durchtanzten Nächten im Gras sitzen und jüngere Touristen eine der wichtigeren Stationen ihres Berlin-Besuches abarbeiteten. Entlang der zuverlässigen grauen Wegschilder führt der Mauerweg in Richtung Mitte, unter einer beeindruckenden alten Eisenbrücke hindurch, durch den Invalidenfriedhof. Der Hauptbahnhof, groß und deplatziert in einem unübersichtlichen Gewirr aus Kanälen und Brücken, umgeben von Brachflächen, die findige Strandbarbetreiber dem Berliner Partyvolk erschlossen haben. Weiter entlang der Regierungsgebäude. Reichstag. Brandenburger Tor. Postdamer Platz. Checkpoint Charlie mit seinen Touristenmassen, überhaupt war es uns in Mitte zu voll, wir besuchten das Museum am Checkpoint Charlie nicht und auch nicht das Mauerpanorama, nur ab und zu haben wir angehalten, an den Stelen, an denen die Geschichten der Menschen aufgeschrieben sind, die an der jeweiligen Stelle aus Ostberlin zu fliehen versuchten. Zwischen Mitte und Kreuzberg: Irgendwo eine Brachfläche mit einem verlassenen Sofa, die Großstadtvariante vom Bett im Kornfeld, ein Fotomotiv. Andere Brachen sind schon bebaut; bunte neue Stadthäuser drängen sich zusammen, als ob sie Angst haben, dass jemand ihre hübschen Fassaden mit dem Baustellenmatsch beschmutzen könnte, der sie noch umgibt. Hinter den Glasscheiben der Eingangstüren und auf den Balkons stehen schon Kinderfahrräder und Buggies. Immer wieder begleitet den Mauerweg hier der Pflasterstreifen, mit dem der tatsächliche Mauerverlauf gekennzeichnet ist; er teilt Straßen und Kreuzungen, manchmal verschwindet er unter neueren Häusern. Engelbecken, Spree, East Side Gallery – im letzten Herbst noch ohne Lücken für Baustellenfahrzeuge, lange vor den Protesten gegen den Bau schicker Wohnblocks. Über die Oberbaumbrücke, durch das lebendige bunte Kreuzberg, in den Görlitzer Park.

Beide Touren haben wir im Hofcafé in den Späthschen Baumschulen beendet, wo die Betreiber der seit der Gründerzeit bestehenden Baumschulen neue Einkommensquellen erschließen und zwischen Reihen von Zierbäumchen und ihrem neueröffneten Hofladen den besten Kuchen weit und breit (auch den einzigen Kuchen weit und breit, Kreuzberg scheint von hier aus schon wieder in einer andern Welt zu liegen) servieren. Auch im Herbst war es noch voll dort, von unserem Tisch im Schatten rückten wir nach, dahin, wo ein Tisch im Halbschatten, in der Sonne, noch später Plätze auf der Hollywoodschaukel frei wurden; genossen den Kaffee, das müde Gefühl in unseren Beinen, die vielen Bilder in unseren Köpfen.

Morgen wird es weitergehen. Die Luftpumpe liegt bereit. Die über den Winter staubig gewordene Fahrradtasche. Die Regenjacke. Schokokekse fürs Picknick.

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3 Gedanken zu „Berliner Mauerweg. Erinnerungen

  1. meineschreibblockadeundich

    Am liebsten würde ich mich jetzt sofort aufs Rad schwingen und mit euch fahren. Das klingt so spannend! Schade, dass Berlin so weit weg ist. (Oder wir.)
    Jedenfalls wünsche ich euch viel Spaß!
    Herzilchst
    Marie

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  2. dietauschlade

    „Über der Bornholmer Brücke der Himmel so groß wie nirgendwo sonst über Berlin.“
    Das ist mir auch schon total oft aufgefallen! Schön, dass es Dir auch so geht!
    Die Beschreibung der Fahrradtour ist großartig und macht Lust auf dieses Abenteuer!
    Bleibt als Idee im Hinterkopf!

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