Berliner Mauerweg: Nordostecke

Vom Berliner Nordosten hatte ich so meine Bilder im Kopf, obwohl ich bisher höchstens mal mit der Bahn durchgefahren bin. Birkenwäldchen habe ich erwartet; Orte, die ineinander übergehen, ohne dass man so richtig sagen kann, wo Ostberlin endete und Westberlin begonnen hat; haufenweise neugebaute Siedlungen.

Und so ähnlich ist es auch wirklich.

Ländlich ist es da oben, kaum mag man glauben, dass die Mauer durch die idyllischen Felder führte, durch die man geleitet wird. Von Willhelmsruh aus ein Stückchen entlang der S-Bahn, durch das Märkische Viertel, dann ist man erst einmal auf dem Land. Flach kann man es dort nicht nennen, wir strampeln Hügel hinauf, die für Berliner Verhältnisse eigentlich schon Berge sind, und rauschen wieder hinunter, an der Grenze zum Naturpark Barnim, in dem Knoblauchkröten und Rotbauchunken in kleinen kopfweidenumstandenen Seen ihren geschützten Lebensraum haben. Während wir durch Glienicke und Frohnau mäandern, betrachten wir die Häuser und Villen und versuchen zu entscheiden, ob der Baustil der älteren Gebäude auf Ost oder West hinweist. Auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze sind neue Häuser dazwischengesetzt worden, überall, wo noch ein Grundstück frei war. Legolandglänzende Dachziegeln und Sprossenfenster, schwarzwälder Jagdhäuschen, aber auch Bauten, die es auf die Titelseite von „Schöner Wohnen“ schaffen könnten, Betongebilde mit flachen Dächern und dem unvermeidlich wie eine quergedrehte Streichholzschachtel nach vorne überstehenden zweiten Geschoss.

Kann man hier leben wollen? Wie würde es sich anfühlen? Im rosa Neubau am Berg, direkt an der B96, gegenüber McDonalds? Mit dieser Frage sind wir so beschäftigt, dass wir an der „Glienicker Spitze“ den Abzweig unseres Weges von der B96 verpassen und der stark befahrenen Oranienburger Chaussee viel zu lange folgen – so lange, bis wir uns noch nicht mal auf der Beikarte III meines uralten Falkplans von Berlin wiederfinden und auf das angewiesen sind, was die ortsansässigen Radfahrer und Jogger über den Mauerweg wissen. Freundlich helfen sie uns weiter, wir finden den Weg wieder, hurra – aber da die Mauer hier anscheinend kreuz und quer verlief, folgen wir ihm erst mal ein Stück in die falsche Richtung, durch die Invalidensiedlung mit ihren hübschen Gründerzeit-Klinkerbauten, bis wir im Kreis dorthin zurückgeführt werden, wo wir eigentlich hätten auf die B96 stoßen sollen. Mist. Wir sind auch schon dreimal an einem Ortschild von Berlin vorbeigekommen, ohne die Stadt auch nur einmal bewusst verlassen zu haben, das ist komisch. Irgendwann haben wir dann endlich die andere Seite von Frohnau gefunden, der Mauerweg führt ein wenig eintönig durch den frühlingslichten Wald, hügelauf, hügelab; meine fehlende Kondition macht sich bemerkbar (muss nachher ganz dringend bei ebay neue bestellen). Als Hennigsdorf endlich ausgeschildert ist, sind wir ganz dankbar, dass wir uns keine längere Strecke vorgenommen haben. Noch ein Kaffee im „Kaffehaus Madlen“ am Bahnhofsvorplatz, das ist am Sonntagnachmittag voll, weil es sonst nur noch den Asia-Imbiss gibt; wir müssen ganz hinten in der Ecke sitzen, hinter der hautfarbig gestrichenen Säule, da, wo der Kinderstuhl und ein bissel Spielzeug stehen, wo anscheinend sonst die Familien mit Kleinkindern hinverbannt werden.

Ich bin froh, als ich am Südkreuz aus der S-Bahn steige. Mag sein, dass der Berliner Norden seine Rotbauchunken, Frühlingsgärten, Birkenwäldchen, zugezogenen Familien und andere schönen Seiten hat. Aber… von jetzt an häufiger dort hinfahren muss ich trotzdem nicht, glaube ich.

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