Öffentliche Grünanlagen (I)

Am ersten Mai habe ich meinen Kindern einen Wunsch erfüllt. Sie wollten endlich mal wieder zum Obenkran-Untenkran-Spielplatz. Der ist ziemlich nett gestaltet – mit einer riesigen Ritterburg und einer nicht immer kaputten Wasserspielanlage und lebensgroßen hölzernen Märchenfiguren und einer Hütte, von deren Dach aus man – wenn man sich auf eine der Tauben von Aschenbrödel setzt – an den einen von zwei kleinen Flaschenzügen herankommt, mit einer langen Kette, an der eine Schale hängt, die man voll Sand schippen und dann hochziehen kann. Das ist der Obenkran, den der Vierjährige liebt. Der Untenkran war leider nicht mehr da. Auch die Nestchenschaukel war dem Winter oder dem Vandalismus zum Opfer gefallen, schade. Dafür war der Tischkicker noch intakt, wegen dem der Achtjährige so gerne dort hingeht.

Bisher waren wir dort immer nur an Sonntagvormittagen, und nachdem wir am Nachmittag des ersten Mai eine Zeit lang dort gespielt hatten, wusste ich auch wieder, warum.

Der Spielplatz liegt in der Nähe einer dieser Siedlungen, die schon mal gern als „sozialer Brennpunkt“ bezeichnet werden. In jedem Fall ist er ziemlich multikulturell und exotisch. Anders als auf den Spielplätzen in unserem behüteten Kiez gibt es dort mehr Kinder als Erwachsene. Ganze Horden von Mädchen in Rosa mit langen, glänzenden Zöpfen oder wilden schwarzen Locken, viele mit einem kleinen Geschwisterkind an der Hand; kleine und mittelgroße und schon ziemlich große Jungs in Marken-Sportklamotten. Klischees, ja. Hier bestätigen sie sich, hier werden sie – manchmal nur Minuten später – gebrochen.

Im hinteren Teil der Ritterburganlagen hatte eine ganze Gruppe von Frauen mit bunten Kopftüchern ihr – ringsum mit Kinderwagen befestigtes – Lager aufgeschlagen und den Inhalt großer Picknickkörbe ausgepackt. Aber es war eine der Kopftuchmütter, die gemeinsam mit ihrem Sohn nach uns am Kicker spielte. Eine Frau unter einer Burka – einer echten, die nur einen kleinen Schlitz für die Augen freiließ – lief drei Schritte hinter einem Mann mit Vollbart her, dieser Sorte Vollbart, die einen unvermeidlich an den 11. September erinnert. Aber später, neben der Bank, schob sie ihren Bugaboo – wenn auch in schwarzen Handschuhen – mit genau derselben Bewegung hin und her, an die ich selbst mich aus Zeiten mit einem Baby so gut erinnern kann. Ein bulliger Typ mit einer riesigen Narbe auf der Glatze – eines der wenigen Spielplatzelternteile ohne erkennbaren Migrationshintergrund – lehnte mit finsterer Miene an der Tischtennisplatte. Aber dann saß er plötzlich neben einer Frau mit alternativer Kurzhaarfrisur und gehörte ganz offensichtlich zur Familie.  

Ja: Klischees! Ich selber passte auch in eins hinein, das wurde mir klar, als ich unser säuberlich namensbeschriftetes Sandspielzeug auspackte, das ein paar kleine arabischen Jungs, die keins hatten, ganz unwiderstehlich fanden. Als ich die Tupperdose mit den Weintrauben rausholte und meinen Jungs sicherheitshalber eine Jacke überzog, weil die Sonne verschwunden war. Als meine Söhne irgendwann heulend ankamen, weil ein größerer sie vom Obenkran vertrieben hatte. Und ich verkörperte nicht nur ein Klischee – ich war auch in der Minderheit, einer Minderheit, die – ein klein wenig bestürzend, aber nicht unverständlich – von den anderen Besuchern des Spielplatzes nicht automatisch wohlwollend betrachtet wurde. Die Blicke der Mütter um mich herum – die Blicke, die die Mütter mit den bunten Kopftüchern und mit den schönen dunklen Locken mir und meinen heulenden Jungs zuwarfen – die Blicke der Mütter, deren Söhne sich ohne viel Federlesens durchzusetzen vermochten: sie waren ein bisschen hämisch. Ein ganz kleines bisschen.

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Ein Gedanke zu „Öffentliche Grünanlagen (I)

  1. wildganss

    Was Du da so gekonnt beschreibst, ist mir so fremd, so fremd. Bei meinen Stadtbesuchen sehe ich manchmal solche Orte von weiter weg….und als meine drei Kinder klein waren, war diese Buntheit, vor allem hier auf dem Lande, noch ganz anders. Vielleicht gefällt Dir dies Buch, kürzlich in einem anderen Blog von mir besprochen:
    http://www.bibliophilin.de/?p=10469
    Gruß von Sonja

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