Die Wissenschaft hat festgestellt

Beim Radiohören am Morgen wurde ich neulich mal wieder mit den neuesten Erkenntnissen aus der Wissenschaft versorgt. Anscheinend wurde jetzt nachgewiesen, dass das Tragen von Rucksäcken zu Schuldgefühlen führt. Ehrlich wahr! Probanden, die während eines vorgeschobenen Experimentes einen fünf Kilo schweren Rucksack trugen, wählten aus mehreren angebotenen Belohnungen angeblich hinterher tendenziell das Obst, während andere, deren Rucksack nur ein Kilo schwer war, ohne Skrupel zu den Schokoriegeln griffen. Wenn man den Schluss akzeptiert, dass das Auswählen von Obst dem Kompensieren von Schuldgefühlen durch korrektes Verhalten diente, war die Studie wohl einigermaßen eindeutig.

Ich muss sofort an den schweren Ranzen meines Achtjährigen denken. Wenn er stattdessen einen dieser neumodischen Schulrollis hätte – würde er dann noch mehr Schokolade essen wollen? Oder vielleicht ein glücklicheres Kind werden? Müssten Schulranzen schleunigst verboten werden oder hätte Bioessen bei Kindern dann gar keine Chance mehr? Nein halt: Schulranzen lieber erst verbieten, wenn die psychischen Folgen des Schulrolliziehens gründlich erforscht sind. Am Ende fühlt man sich angebunden, wenn man ständig eine Last hinter sich herziehen muss? Entwickelt einen starken Freiheitsdrang und eine rebellische Tendenz zum Schulschwänzen?

Ich schiebe die Frage erstmal beiseite – die Kinder sind eh bei ihrem Papa – und betrachte kritisch die Sachen, die ich heute mit mir rumtragen werde. Ein Buch, ein Päckchen, das zur Post muss, eine Orange, diverse Unterlagen, eine Flasche homöopathische Tropfen. Wenn ich die Kinder am Nachmittag abholen muss, muss morgens schon das sperrige Buddelzeug mit. Und nachmittags kommen die Einkäufe dazu und die halbleergegessenen Vesperdosen und die Jacken, für die es am Nachmittag zu warm ist – für all das brauche ich auch einen Rucksack. Jetzt weiß ich endlich, warum ich mich als Mutter dann immer so unzureichend fühle.

Heute kann ich die Handtasche nehmen, zum Glück. Aber ich schalte das Radio lieber mal aus. Ob das Tragen von Lasten an einem Schulterriemen ins emotionale Ungleichgewicht führt oder zu einer einseitigen Weltsicht – das will ich jetzt gerade lieber nicht auch noch wissen.

Aber eins wird mir klar, als ich zur S-Bahn renne, während die schwere Tasche von meiner Schulter baumelt: Die spirituelle Läuterung auf langen Pilgerwegen… müsste dann ja wohl umso stärker ausfallen, je mehr Gepäck man mit sich rumträgt. Ob das schon mal einer untersucht hat?

Wissenschaft ist schon irgendwie lustig.

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7 Gedanken zu „Die Wissenschaft hat festgestellt

  1. Wolfgang Schnier

    Also ich denke, diesen Ergebnissen kommt nur eine geringe Aussagekraft zu. Ich zum Beispiel esse keine Schokolade, weil sie mir nicht schmeckt. Aber ich esse sehr gerne Obst in allen Variationen. Ob mit oder ohne Rucksack oder Schuldgefühlen, das ist mir ziemlich egal.

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  2. patchworkmama2013

    Also entweder war mein Rucksack beim Pilgern nicht schwer genug, oder ich ticke im Sinne der Wissenschaft nicht richtig, aber ich habe eine Woche lang zwölf Kilo auf meinem Rücken durch die Gegend geschleppt und mir dafür jeden Abend als Belohnung ein großes, kaltes Bier und ein leckeres Essen in einem Restaurant gegönnt, bis mir irgendwann das Geld dafür ausgegangen ist. Allerdings habe ich nie Schokolade gegessen, bin ich also doch ganz normal?

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  3. Buchmanie

    Also dazu fällt mir nur ein „Wissen, das die Welt nicht braucht – aber Eindruck schindet“ zumindest bei Wissenschaftsgläubigen.
    Ob mit oder ohne Rucksack, ich lass mir meine Schoki nicht vermiesen.

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  4. Herr Bussmann

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Gewicht eines Rucksackes darüber entscheidet, ob man Obst oder Schokolade ist. Manche Menschen greifen halt gern zur Schokolade und andere wiederum zum Obst.

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