Himmel, Raps und Frösche

Es ist Mittwoch, der Alltag hat uns fest im Griff. Dabei war ich ihm doch gerade für zwei Tage von der Schippe gesprungen, davongefahren, weit genug, um ihn mit seinen diversen Widrigkeiten aus meinem Kopf zu verbannen.

Zwei Tage Oderbruch – der Inselmann sagte, da ist es schön. Also ans Telefon klemmen – übers Himmelfahrtswochenende sind die Gasthöfe und Pensionen eigentlich alle ausgebucht, aber in Neuküstrinchen Nr. 53 gibt es dann doch eine Holzhütte für uns. Am Ende haben wir sogar den ganzen Puppenstubencampingplatz für uns alleine, mit unserem Holzhäuschen und mit einem alten Bauarbeiter-Toilettenwagen, in dem es inzwischen auch Duschen gibt; mit der Küchenhütte, der Nachtigall, mit den Weidenblüten, die uns in den Morgenkaffee fallen und mit den Pusteblumen am Feldrand, die ich nicht gleichzeitig abpusten und fotografieren kann, das krieg ich einfach nicht hin. Und mit der Mutter der Vermieterin, die ihren mühseligen Morgenspaziergang am Stock gerne zu uns hinaus macht und erzählt, dass sie ihr ganzes Leben hier verbracht hat. Im Oderbruch.

Ortsnamen mit  „Neu“ gibt es hier eine ganze Menge. Und mit „Alt“. Und mit „Loose“. Das hat damit zu tun, dass die Oder eigentlich in einem großen gemütlichen Bogen durch das breite Tal geflossen ist, das sie sich in der Eiszeit – ja, ich erinnere mich düster, das hatten wir mal in der Schule, ein „Urstromtal“ – ins Land gegraben hat. Bis im 18. Jahrhundert Friedrich der II. nicht nur die Idee, sondern auch die technischen Mittel hatte, den Oderlauf zu begradigen und das Wasser hinter einem Deich einzusperren, das trockengelegte Land unter Siedler von beinahe überallher zu verlosen und sie neue Orte anlegen zu lassen. Neuküstrinchen ist ein kleines Straßendorf, dem man ansieht, dass es nicht gewachsen ist, sondern planmäßig gebaut wurde. Entlang einer einzigen Straße stehen die Häuser, teils verfallen und von blühendem Flieder überwuchert, teils liebevoll saniert, sicherlich manche in der Hand stadtflüchtiger Berliner, wer weiß. Denn schön ist es hier wirklich. Der Raps leuchtet, das Sonnenlicht funkelt auf den Folien, mit denen die Spargelreihen abgedeckt sind; lange Reihen von Pappeln stehen zwischen den Feldern, Störche haben sich fotogen in ihren Nestern platziert.

Natürlich wollen wir an die Oder! „Zollbrücke“ heißt die Stelle, an der die einzige Lücke im Oderdeich ist, sogar im nach der Flut von 1997 – Gedenktafeln überall, hier wurde eine ganze Gegend knapp vor dem Untergang im wahrsten Sinne des Wortes bewahrt, das war mir garnicht so klar – neu gesicherten Deich und natürlich verschließbar. Eine Brücke gibt es hier nicht mehr, aber oben auf dem Deich einen feinen glatten Radweg und zwei kleine Restaurants, beide mit Fahrradverleih, und da gehen wir auch hin, denn jetzt möchte ich an der Oder entlangfahren. Von der polnischen Seite leuchten rot-weiße Grenzpfosten herüber; auf den deutschen Grenzpfeilern ist das Rot zu unansehnlichem Rosa verblichen. Bei „Güstebieser Loose“ gibt es eine Autofähre, aber die konnte den Betrieb in diesem Jahr noch nicht aufnehmen, weil die Oder noch Hochwasser hat. Ein paar schaulustige Touristen am Wasser. „Hier ist jetzt also die Grenze der EU“, sagt einer. Zum Glück kennt sich ein anderer aus. „Nee, nur die vom Euro.“  

Weil der Inselmann ein sportlicher Mensch ist und ihn die Aussicht auf mein erschöpfungsbedingtes Gejammer nicht schreckt, fahren wir noch elf Kilometer weiter bis Groß Neuendorf. Dort gibt es Kaffee und Bockwurst, zum Glück. Im alten Hafengelände stehen Eisenbahnwaggons, die als Übernachtungsmöglichkeiten ausgebaut sind; der alte Verladeturm beherbergt ein Café. Wir lümmeln in Liegestühlen am Wasser in der Sonne und sehen den Schwalben zu, die ihre Nester am Verladeturm haben. Den kleinen jüdischen Friedhof wollen wir auch noch ansehen, ein winziges Geviert in den Feldern, verwitterte Gedenksteine im Schatten alter Bäume.

Auf dem Rückweg haben wir tatsächlich Rückenwind (Ist das in der Geschichte des Fahrradfahrens schon jemals vorgekommen?). Die Kilometer schnurren nur so davon, ich freue mich an den vielen Pusteblumen auf dem Deich; an den Milchkaffeekühen, die auf ihren Weiden im Schlamm stehen und an den  Vögeln, die auf der Oderseite in den überfluteten Wiesen herumdümpeln. Trotz der Störche gibt es noch genug Frösche, sie quaken laut; trotz der Frösche schwirren noch genug Fliegen über dem Radweg, um das Fahren mit offenem Mund unerfreulich zu machen.  

Wir steigen wieder ins Auto, der Inselmann dreht die Musik auf; die Fenster sind heruntergekurbelt, wir fliegen über die Bodenwellen in der Straße. Die ersten Kilometer nach der polnischen Grenze schrecken mich ab – mit ihrer Mischung aus Night Clubs und Frisören und Zahnärzten und Optikern und ein paar riesigen Gebäuden, die wie Bauruinen aussehen und mit mächtigen Leuchtbuchstaben als „Größter Polenmarkt Berlins“ angepriesen werden. Lieber schnell zurück. Später am Abend pustet der Inselmann ein Feuerchen in der Grillschale in Gang, wir schauen in die Flammen, nur das Quaken des Alphafrosches im Dorfteich und die Unterhaltungen der Nachtvögel sind zu hören.

Am nächsten Tag schauen wir uns das Schiffshebewerk an – der Höhenunterschied zwischen der Ebene, auf der unter anderem Berlin liegt, und dem Urstromtal der Oder ist so groß, dass die Schiffe hier 36 Meter hoch gehoben – oder heruntergelassen – werden. Aus irgendeinem Grund ist das alte Hebewerk mit seiner beeindruckenden Stahlkonstruktion nicht mehr gut genug. Direkt daneben wird ein neues gebaut, riesige Betonpfeiler stehen da schon; genug Kräne, um für meine Söhne ein paar Fotos zu machen.

Als wir am Abend Hunger bekommen, haben die Restaurants an der Zollbrücke schon zu, da nützt auch Möhren-Ingwer-Suppe auf der Karte nichts mehr. Aber wir in einem der Alt-Orte (Altreetz?), deren Namen einem so schnell durcheinandergeraten, hat noch eins offen. Das Essen schmeckt so fein, dass der Inselmann seinen Charme spielen lässt und die Zutaten des Vorsüppchens (ein Familienrezept!) doch noch aus dem stolzen jungen Koch herausbekommt. Am Deich in der Dämmerung, später, schwimmt ein Schwan neben uns her Patrouille. Man sieht ganz deutlich, dass die Felder auf der einen Seite tiefer liegen als der breite Fluss auf der anderen. Der Weg zurück durch die kleinen Orte ist mir nach zwei Tagen schon ganz vertraut. Der Himmel ist riesig und hängt voller Regenwolken.

Am nächsten Morgen sind wir wieder auf der Straße nach Berlin. In Bad Freienwalde geht es steil bergauf, wir verlassen das Odertal. Kriegsgräbergedenkstätten und ein Bunker sind ausgeschildert, die Seelower Höhen sind hier irgendwo, auch der Krieg hat hier Spuren hinterlassen. Noch ein Kaffee vor der Bäckerei an der Straße. Im Auto läuft Musik; schöne Musik, in der einsame Cowboys nach Liebe, Rache, Gerechtigkeit (aber nicht nach einer Patchworkfamilie, so viel steht fest) suchen – am Horizont taucht Berlin auf, mit meinem Alltag, in dem ich mich gerade so verheddert fühle. Bis ins Oderbruch reicht er nicht, das ist gut. Ich komme heim, Kopf und Kamera voller großartiger Bilder; ich bin ganz weit weggewesen: wie schön das war. Ob der Vierjährige nächstes Jahr schon gut genug Fahrrad fährt, um ein paar Tage im Oderbruch unterwegs zu sein? Mal sehen.

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3 Gedanken zu „Himmel, Raps und Frösche

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