Gesehen, gelesen, gehört… im Mai

Noch so ein Seelenbuch! „Quasikristalle“ von Eva Menasse. Dass die Buchhändlerin nicht in der Lage war, das Buch in ihrem Online-Katalog zu finden, als ich was von „Semikristallen“ und „Manesse“ erzählte, ist eine ziemliche Schande für den stationären Buchhandel (Den man ja unterstützen will… Und ich beschwere mich hier nicht über etwas, von dem ich nichts verstehe – ich habe selber im Buchhandel gearbeitet und dem einen oder anderen Kunden – „ich suche dieses Buch, es ist rot“ – mit Kreativität, Verkaufswillen und ausgefeilten Fragetechniken weitergeholfen.) Aber das nur am Rande. Ich hatte schon eine Rezension bei dasgrauesofa gelesen und war dann doch unsicher, ob ich das Buch mögen würde. Aber: mich hat es kein bisschen gestört, dass die Geschichte der Frau, deren Leben hier stückweise in den Geschichten von Menschen aus ihrem Umfeld vorkommt, nicht durchgängig und lückenlos erzählt wird. Jeder dieser Texte ist spannend in sich. Und der eine, in dem sie selbst zu Wort kommt – ein Lebensmittetext rund um die verwirrenden Gefühle, mit denen man sich selbst nach den anstrengenden Jahren mit sehr kleinen Kindern wieder zusammensammelt – der ging mir nahe, sehr. Unbedingt lesen!

Ich bin eine einigermaßen bereitwillige Briefkasten- und Balkonsitterin für Freunde. Aber worauf ich leidenschaftlich gern mal aufpassen würde, ist die Musiksammlung des Inselmanns. Der Ohrwurm des Monats ist von Tapes ’n Tapes, ganz klar. Nur dass ich selber nicht weiß, ob mir „Freakout“ am meisten im Kopf schwirrt. Oder das melancholische „Badaboom“. Oder „Insistor“. Kackmusik, sagt der Vierjährige. Aber ich mach sie trotzdem ab und zu an, manchmal sogar ein bisschen lauter. Yeah!

Letztens habe ich ausprobiert, wie es ist, mit meinen Kindern Kunst anzuschauen. Paul Klee und Johannes Itten werden zur Zeit hier in Berlin im Martin-Gropius-Bau gezeigt, es geht um das Thema Farbe. Schöne bunte Bilder. Der Vierjährige durfte den funkelnden Farbenturm im letzten Ausstellungsraum neu starten; beide Kinder waren begeistert von der kleinen fahrbaren Hebebühne, mit der ein Arbeiter zur Zimmerdecke gehoben wurde, um eine Glühbirne auszuwechseln; und die Freundin, die uns begleitete, fand es gut, sich mal nicht so lange in einer Ausstellung aufhalten zu müssen. Und ich war zufrieden, dass alle zufrieden waren…

…und noch viel mehr, nachdem ich mir im Museumsshop sämtliche Postkarten mit Engelzeichnungen von Paul Klee gekauft hatte – wenige karge Striche, große Augen, spitze Flügel – obwohl die garnicht Teil der Ausstellung waren. Den vergesslichen Engel, der voller Scham zu Boden blickt und den Schellen-Engel mit den übermütig funkelnden Augen; den Engel voller Hoffnung und die „Krise eines Engels“ und den Engel, der garnicht Engel heisst, sondern „es weint“. Der steht jetzt auf meinem Schreibtisch; alles hier ein bisschen nass von seinen Tränen. Er holt ein paar nach, für die ich immer keine Zeit finde, ihm kann man das anvertrauen.

Hakan Nesser ist einer der ganz Großen. Und anscheinend wird er immer besser. Ja, ich habe früher schon mal das eine oder andere Buch von ihm gelesen. Richtig klasse sind seine Krimis, seit er Inspektor Barbarotti ermitteln lässt. Der ist menschlich und warm und wehmütig, nicht so kulturpessimistisch wie Kurt Wallander und kein „Wolkenschaufler“ wie Jean-Baptiste Adamsberg… aber unbedingt einer der Kommissare, mit denen man gern lange Abende verbringt. „Am Abend des Mordes“ ist ein Buch über Verlust und Trauer, es ist Barbarotti, der trauert, die Krimihandlung steht – für mich – daneben eigentlich eher im Hintergrund. Aber es ist kein ausschließlich trauriges Buch – sondern ganz lebenszugewandt und voller Sätze, die man sich am liebsten rauschreiben möchte, so schön und wahr und poetisch sind sie.

Das große, dicke Vorlesebuch steht schon lange bei uns im Schrank. Ab und zu – an Tagen, an denen ich wirklich nichts über Baustellenfahrzeuge vorlesen möchte – hole ich es hervor. Bei den meisten Geschichten schütteln meine Kinder den Kopf: mögen wir nicht. Aber eine mögen wir alle. Unsere Lieblingsgeschichte „Hühnerlulu“ vom eigensinnigen Huhn, dass verreisen möchte und es dann auch tut – egal, was die anderen Hühner, der Bauer, seine Frau und die Kühe davon halten, hat Ulrike Kuckero geschrieben. Immer wieder schön.

„Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner“. Wer hats gesagt? Na? Diesen und andere nette Berlin-Texte schreiben jedenfalls die Postkartenmacher von Fundstück auf ihre Karten. Seit ich meine neue Lieblingsbuchhandlung in der Danckelmannstraße entdeckt habe – in der es diese und andere feine Karten gibt – finde ich Charlottenburg richtig schön. (Und die Auflösung? Fontane wars!)

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3 Gedanken zu „Gesehen, gelesen, gehört… im Mai

  1. wildganss

    Kackmusik- obercooler Ausdruck!
    Kackkunst hat der Kleine aber zum Glück nicht gesagt…
    An Dir ist eine Kunstlehrerin verloren gegangen, eine, die „mit dem Herzen sieht“ und das ihren Kindern genau so rüberbringt….

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  2. wildganss

    Und das Menasse-Buch habe ich mir in meiner Bib vorbestellt- nun wartet es dort auf mich. Danke für guten Tipp! Die hochgestochenen Kritiken im TV oder so haben es nicht vermocht, wohl aber Dein Eintrag hier!

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