Summer in the city

Sommerwetter und Sommerferien – noch dazu gleichzeitig! Das fühlt sich gut an.

Am Morgen ohne Stress aufstehen, weil der Weg zur Kita und zur Schule wegfällt. Ich pflücke auf dem Balkon eine Handvoll Rucola zum Frühstück. Die Kapuzinerkresse blüht, die Zuckererbsen haben durchsichtige Schoten bekommen, in denen man winzigen Erbschen beim Wachsen zusehen kann. Die Sonne hat noch ein paar Erdbeeren zum Reifen gebracht. Und die blaue Winde bereitet in aller Ruhe ihre erste Blüte vor.

In der S-Bahn gibt es in den Ferien immer Sitzplätze. Gegenüber von dem jungen Mann, der mit der einen Hand den Gipsabguss eines Gebisses festhält und in der anderen ein Zahnarztinstrument, mit dem er an den Gipszähnen herumkratzt. Oder neben der jungen Frau auf Highheels, geschminkt und gestyled, die unermüdlich eine Kette hellblauer Gebetsperlen mit Glitzersteinen durch ihre Finger gleiten lässt. Oder schräg gegenüber von der jungen zerzausten Frau in Schwarz, die mit Hilfe eines Karteikartensystems den chemischen Aufbau irgendwelcher Stoffe memoriert, indem sie komplizierte Molekülstrukturen schwungvoll aufs Papier zeichnet. Im Gang steht ein französisches Touristenpärchen, die Frau hat eine Tätowierung, die vom rechten Handgelenk aus den Arm hinauf und am linken Arm wieder herunterläuft, eine schmale Reihe miteinander verbundener Buchstaben. „The girl I once was“ beginnt das, was da steht, und ich denke den Rest der Fahrt darüber nach, wie der Text wohl weitergehen mag.

Im Büro Urlaubsatmosphäre. Leere Räume, wer da ist, trinkt Kaffee oder starrt unmotiviert auf seinen Bildschirm, die Jalousien sind gegen die Hitze heruntergelassen.

Und dann die lauen Abende. Zwischen den Häusern hält sich die Wärme. Von irgendeiner S-Bahn-Brücke aus ist in der Ferne der Fernsehturm zu sehen. Häuserfronten. Schienenstränge. Kräne. Der blassblaue Himmel. Es duftet nach Lindenblüten, und weil ich kein Auto habe, kann ich das genießen, ohne dabei an klebrige Beläge auf heißem Blech zu denken. Die Abendstunden sind so schön, dass es mich traurig macht, alleinzusein; ohne jemanden, zu dem ich: Sieh mal! sagen kann; ohne jemandem, mit dem ich meinen Sommerabend teilen kann; ohne jemanden, der mir dafür seinen schenkt.

Später stehe ich in der Dämmerung auf meinem Balkon, höre dem Rasensprenger im Nachbarhof bei seinen Runden über den Rasen zu und einem Vogel, der ein wenig eintönig dazu „Wiiie… Wiiie…. Wiiie“ singt.

Eigentlich ist es schade, wegen der absurd frühen Berliner Sommerferien immer schon Ende Juni zu verreisen.

Aber die S-Bahn macht es einem dann doch wieder ganz leicht. Nicht direkt das Wegfahren… aber das Wegwollen. Erst halte ich es ja für einen Scherz, den irgendjemand sich mit den von der Hitze erschöpften Fahrgästen erlaubt, als der Mann mit der scheppernden Stimme durch den Wagen näherkommt. Aber nein, es ist die bittere Wahrheit: Die S-Bahn hat einen armen Mitarbeiter abgestellt, der durch den Zug gehen und allen erzählen muss, dass es sechs Wochen lang – die gesamten Ferien über – Schienenersatzverkehr auf der Strecke geben wird, auf der ich täglich zur Arbeit fahre. Die Schienen müssen ausgetauscht werden, antwortet er stoisch auf die hysterischen Schimpftiraden, die er auslöst. Moment: war da nicht letztes Jahr schonmal mehrere Wochen lang Schienenersatzverkehr? Was wurde da eigentlich ausgetauscht – die Schwellen?

Da weiß ich doch gleich, womit ich die Zeit verbringen werde, die ich in der zweiten Ferienhälfte spare, wenn ich morgens und nachmittags nicht zur Kita gehen muss.

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8 Gedanken zu „Summer in the city

  1. meineschreibblockadeundich

    Soooo stimmungsvoll. Fast würde ich mir wünschen, in der Stadt zu wohnen – bis die S-Bahn kommt. Bzw. der Schienenersatzverkehr ….

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  2. Susanne Haun

    Das hast du sehr atmosphärisch beschrieben, liebe Greta, besonders die Beobachtungen der Menschen in der S-Bahn gefallen mir. Es ist das, was ich mit dem Stift festhalte…..
    Liebe Grüße und einen schönen lauen Abend wünscht dir Susanne

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