Allein unter Müttern

100 Mütter. 21 Tage. Eine Kurklinik. Klingt wie das Setting zu einer neuen Reality-Show. Mit Wochenaufgaben. (Nehmen sie fünf Kilo ab. Bringen Sie ihr Kind dazu, Brokkoli zu essen. Lösen Sie all ihre Probleme in einem einzigen therapeutischen Einzelgespräch.) Untermalt mit anrührenden Szenen aus dem schweren Alltag der teilnehmenden Frauen. Und jede Woche dürfen die Zuschauer entscheiden, wer noch bleiben darf.

Nein, ist schon ok dass noch niemand auf diese Vermarktungsidee gekommen ist.

Ein seltsames Gefühl, aus dem Alltag plötzlich an einen so fremdartigen Ort versetzt zu werden, in eine Kurklinik. Voller Frauen und Kinder, die in den ersten Tagen mit unsicheren Blicken durch die Gänge – je nach Temperament – huschen oder stolzieren. Ist hier die medizinische Abteilung? Wann hat das Spielhaus geöffnet? Wo liegen die Listen aus, in die ich mich für die Mutter-Kind-Entspannung eintragen muss? Um wieviel Uhr gibt es Essen, und kann ich meinem Vierjährigen auch nackige Nudeln bestellen?

Informationsveranstaltungen. Begrüßungsabend. Kennenlernrunden. (Fröhliche Rheinländerinnen mit pubertierenden Kindern, die ihre erste Liebe erleben und zwischen Ankunft und Abreise nur zum Schlafen ins Apartment kommen werden. Zerzauste Berlinerinnen mit nervenden Kleinkindern, die heulen, wenn sie in der Betreuung abgegeben werden sollen. Tapfere ostdeutsche Frauen, die über Probleme mit den Kollegen und lange Wege zwischen Arbeit und Kita ins Gespräch kommen, während die perfekte Mutter-und-Hausfrau aus Süddeutschland (nein, sie geht auch ein paar Stunden ins Büro, erfahre ich später) sich von einer der Rheinländerinnen darüber belehren lassen muss, dass ein Hemd ganz ohne Bügeln am Mann faltenfrei wird, wenn frau es vorher schön glatt aufgehängt hat. Dazwischen die Frauen, die hier an ihren Ernährungsgewohnheiten arbeiten sollen und sich angesichts ihrer kargen Diät dankbar über die am Kennenlernabend vom Haus gestellten Schalen mit Chips und Erdnüssen hermachen).

Und dann sitze ich wieder allein im Apartment, vor mir den Behandlungsplan für den Achtjährigen und den Behandlungsplan für den Vierjährigen und meinen Behandlungsplan und den Freizeitplan für den Achtjährigen und den Ausflugsplan und den Freizeitsportplan für die Mütter und den Plan mit den Öffnungszeiten des Bewegungsbades. Das Haus stellt einen kleinen Kalender zur Verfügung, in dem man sich aus all dem einen Tagesablauf stricken kann. (Also, wenn der Achtjährige um 9.30 Uhr Sandskulpturen baut und um 13.45 Uhr Hockey spielt und der Vierjährige zwischen 8.30 Uhr und 12.00 Uhr zum Wassertreten muss und ich selber Wirbelsäulengymnastik um zehn und Massage um 14.40 Uhr habe… muss ich dem Achtjährigen dann schon am Morgen die Badehose für das Bewegungsbad um 16 Uhr mitgeben? Habe ich dann Zeit für einen Strandspaziergang? Und hole ich den Vierjährigen vor oder nach der Krankengymnastik des Achtjährigen aus der Betreuung ab? Und so weiter.)

Und dann, irgendwann später (Ich habe Stifte in vier Farben benutzt, um den morgigen Tagesablauf im Kalender vorzustrukturieren), sitze ich am Fenster. Ich sehe zweieinhalb Quadratzentimeter Meer hinter den windschiefen Bäumen. Den strahlenden Abendhimmel mit der Sonne, die immer erst aus den Wolken kommt, wenn die Kinder ins Bett müssen. Und den klinikeigenen Hasen, der auf dem begrünten Flachdach vor meinem Balkon erst sein Abendessen verzehrt und dann in aller Ruhe seine Abendtoilette macht.

Schön hier.

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5 Gedanken zu „Allein unter Müttern

  1. Susanne Haun

    Liebe Greta,
    deine Schilderung gefällt mir!
    Ich kann mir vorstellen, dass es auch Streß ist….
    Das faltenfreie Hemd des Mannes ist lustig, mein Ex mußte selber bügeln. Es gab keinen Grund, warum ich als berufstätige sein Hemd und meine Bluse bügeln sollte….
    Ich bin so eine typische „ich bügel die Bluse erst, wenn ich sie brauche“ Frau…….
    Ich wünsche dir trotz der vielen Termine weiter gute Erholung
    LG von Susanne

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    1. Greta Autor

      Liebe Susanne, so stressig ist es garnicht. Wenn der Plan einmal steht, ist alles nahe beieinander, gut organisiert und in angenehmer Umgebung auch einfach schön. Und „Bügeln“ hat sich zum Glück nicht als Dauerthema etabliert… Liebe Grüße von Greta

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      Antwort
    1. Greta Autor

      Liebe Piri, danke für die guten Wünsche! Alles gut hier. Alle Sonderwünsche beim Essen werden erfüllt. Und am Abend sitze ich auch nicht alleine herum. Oder jedenfalls nur, wenn ich selber das will… Liebe Grüße von Greta

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