Gesehen, gelesen, gehört… im Juni

Fotokunst! Berlin ist voller richtig guter Ausstellungen, man muss sie nur finden. Und Zeit haben. Thorsten Wormuth zeigt gerade Fotos unter dem Motto „Die Rückeroberung der Freiheit“. Wunderbare Werke, für die das Fotonegativ nur die Ausgangsbasis ist, die der Künstler mehrfachbelichtet und tont und weiterbearbeitet… und zu vielschichtigen, poetischen Kunstwerken macht. Schnell hingehen!

Ein paar Bücher, die nicht mit in die Kurkiste gekommen sind, habe ich jetzt schon mal gelesen. Kindheitsgeschichten aus Amerika! Jeanette Walls erzählt in „Schloss aus Glas“ von ihrer Kindheit, die von Armut, Hunger und dem Umherziehen mit ihren Eltern – der malenden Mutter und dem trinkenden Vater mit den großen Träumen – geprägt ist. Das ist hart und anrührend. Und lesenswert.

Beim Lesen von Jodi Picoults  „Die Wahrheit der letzten Stunde“ kann man den Film schon fast sehen, der aus diesem Buch gemacht werden könnte (oder vielleicht schon gemacht worden ist). Eine Siebenjährige hat nach der Trennung ihrer Eltern plötzlich eine unsichtbare Freundin, die sich als „Gott“ vorstellt, dem Kind heilende Kräfte verleiht und es mit Stigmata zeichnet. Der Rummel, den das auslöst, ist packend beschrieben. Man kann das Buch als eine Geschichte über Zweifeln und Glauben lesen – aber auch – wie ich – als ein Buch über die Mutter des Mädchens und darüber, wie sie die Trennung von ihrem Mann verwindet und in ihrer Mutterrolle wächst. Spannend ist das Buch in jedem Fall.

„Die Geschichte der Liebe“ habe ich nur deshalb aus ihrem unwürdigen Dasein auf dem Büchergrabbeltisch errettet, weil im Klappentext vermerkt war, dass es sich bei der Autorin um die Frau von Jonathan Safran Foer handelt. Aber Nicole Krauss hat es nicht nötig, sich im Schatten ihres Mannes zu verstecken, ganz und garnicht. Berührend und voller Wärme verwebt sie in ihrem Roman große Themen miteinander: das Heranwachsen und das Altern, die große Liebe und die Trauer um die große Liebe – und eine Lebensgeschichte, die vom zweiten Weltkrieg und der Flucht aus Polen in die USA geprägt ist. Von dieser Autorin möchte ich noch viele Bücher lesen.

Noch mehr Geschichte! Nämlich „A short history of Tractors in Ukrainian“ von Marina Lewycka. Eigentlich ganz passend, denn auch hier geht es um eine vom zweiten Weltkrieg geprägte Familien- und Lebensgeschichte – um eine Familie, die aus der Ukraine nach Großbritannien geraten ist. Unter der heiteren Oberflächte – der verwitwete Vater heiratet eine junge Ukrainerin mit großen Träumen vom westlichen Lebensstandard, aus deren kostspieligen Fängen seine Töchter ihn zu befreien bemüht sind – liegt die durchaus ernste Auseinandersetzung mit dieser Familiengeschichte, in der die Töchter – eine während des Krieges geboren, eine danach – eine ganz unterschiedliche Welt vorfanden, zu ganz unterschiedlichen Menschen heranwachsen konnten. Ja, das Buch war bei seinem Erscheinen zu Recht berühmt und hat den „Bollinger Everyman Price for Comic Fiction“ (mit dem die englische Ausgabe beworben wird) – allemal verdient. Auch wenn ich von diesem Preis vorher noch nie etwas gehört hatte.

Und ein Buch zum Entspannen in anstrengenden vorletzten Schuljahreswochen: ein Istanbulkrimi –  „Bakschisch“ von Esmahan Aykol. Eine in Istanbul lebende Deutsche wird in einen Mordfall verwickelt (nicht zum ersten Mal, es gab da schon ein Vorgängerbuch). Aber weniger die Krimihandlung als die Art und Weise, wie die Ich-Erzählerin Istanbul sieht und von ihrem Leben als Deutsche in dieser Stadt erzählt, ist faszinierend. Ach, dort wollte ich eigentlich schon lange mal hinfahren… Und ja: Auch wenn das ignorant klingt, mich nach der Vorstellung zu sehnen, die ich von Istanbul habe – angesichts dessen, was dort in den letzten Tagen und Wochen geschehen ist. Trotzdem möchte ich da hin, eines Tages.

Ein nachdenklicher Film, den meine ganz große Schwester mitbrachte: „Der Novembermann“. Ein Pfarrer verabschiedet seine Frau in ihren alljährlichen Toscanaurlaub. In derselben Nacht verunglückt sie tödlich – aber nicht auf dem Weg in die Toscana, sondern in einem Reisebus nach Bremen. Ihr Ehemann muss sich damit auseinandersetzten, dass sie seit zehn Jahren jeden November mit einem anderen Mann verbracht hat. Ein Film über Beziehungen und über Trauer, ein Film, in dem ich nicht vorhersehen konnte, was als nächstes geschehen würde. Und der sich nicht auf die Seite einer seiner drei Hauptfiguren stellt, sondern den Zuschauern erlaubt, sie alle zu verurteilen oder zu verstehen. Oder beides. Sehenswert.

Und begonnen hat der Monat mit einem Lachen: „Ein ganzer Schrank voll nix zum Anziehen“ ist meine neueste Postkartenentdeckung. Schön.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s