Der große Sommer

Sechsunddreißig Grad im Schatten. Saharaklima in Berlin.

Morgens als erstes Blumengießen. Die Paprikas gedeihen prächtig. Sollte ich es nächstes Jahr mit Pfirsichen probieren? Oliven? Kiwis? Die Busse im morgendlichen Schienenersatzverkehr sind auf „eisige Januarnacht“ klimatisiert. Ich kann es in meinen halbgefrorenen Knochen förmlich spüren, wie sich die Klimaerwärmung noch ein bisschen beschleunigt. Im Büro Hitze und Lethargie. Der altersschwache Ventilator schwankt mit bedenklichem Ächzen von rechts nach links und wieder zurück und versetzt die Blätter auf unseren Schreibtischen in matte Bewegung.

Auf dem Heimweg denke ich an meine Söhne, die mit ihrem Vater verreist sind. Ich hoffe, dass sie es schön haben. Ich hoffe, dass sie einen Bogen um Brücken, Bäche, Flüsse, steile Berge, Abhänge, gefährliche Straßen, Zecken, wilde Tiere, Wespen, verderbliche Lebensmittel, Sonneneinstrahlung und tiefes Wasser machen und… äh… natürlich jede Menge Spaß haben.

Für die Tage, in denen sie nicht da sind, habe ich die allerallerbesten Vorsätze: Was will ich nicht alles aufräumen, putzen, ausmisten, sortieren und in Ordnung bringen! Ganz oben auf der Liste stehen die Schulsachen für den Achtjährigen. Mit der Materialliste für die dritte Klasse in der Hand und einem entschlossenen Seufzen nähere ich mich der riesigen blauen IKEA-Tüte voller loser Blätter, zerfetzter Ordner, alter Schulbücher, neuer Schulbücher, zu klein gewordener Sportsachen, eingematzter Malkästen und halbzerdrückter Bastelarbeiten, die der Vater meiner Kinder mir noch hingestellt hat. (Das willst Du doch sowieso gerne unter Kontrolle haben!? Sprachs und verreiste.)

Just in diesem Moment klingelt das Telefon. Zwei Nachbarinnen. Wir fahren jetzt zum Badeschiff! Kommst Du mit?

Gute Vorsätze werden eindeutig überbewertet.

Eine halbe Stunde später mache ich vorsichtige – um niemandem meinen Fuß ins Gesicht zu schlagen und niemandem mit meinen Fingern ein Auge auszustechen und um nicht vom Kopf eines aus der Tiefe auftauchenden Schwimmers in den Bauch gerammt zu werden – Schwimmzüge durch blitzblaues, chlorduftendes Wasser. Was für eine geniale Idee, ein Schwimmbecken in die Spree zu hängen, genau hier! Links die Skyline mit dem Fernsehturm, der Warschauer Brücke und den unvermeidlichen Baukränen. Rechts die Molecule Men, auch im Abendlicht unverändert in ihrer unlösbaren Dreierkonstellation verrannt. Gegenüber die blitzenden Bauten des Mediaspree-Geländes. Um uns herum hockt Generation Easyjet cool am Beckenrand und ergänzt die abendliche Berlin-Stimmung um polyglottes Stimmengemurmel. Die Liegestühle auf den hölzernen Platformen über dem Wasser und im Sand am Ufer sind voll besetzt, die Bar macht Umsätze, Konzertbesucher versammeln sich. Die letzten Sonnenstrahlen lassen das Wasser glitzen.

Und mittendrin wir: Drei ausgelassene Mütter auf Freigang.

Sommer in Berlin ist wunderbar.

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4 Gedanken zu „Der große Sommer

  1. Susanne Haun

    Liebe Greta,
    das hört sich bei dem Wetter auch besser an, als Schulsachen zu sortieren.
    Heute wird es wieder so heiß. Ich werde mich gleich an meinen Arbeitstisch setzen und zeichnen, bevor die große Hitze kommt. Ich will gar nicht wach werden, selbst nach 11 Stunden Schlaf, möchte ich mich umdrehen und über die nächsten Seiten meines Buches einschlafen.
    Ich lese gerade „Der grössere Teil der Welt“ von Jennifer Egan. .. nicht schlecht, Kurzgeschichten, da kann ich dann immer von Buch zu Buch hüpfen, eine Kurzgeschichte da, ein Artikel über die Zeichnung und dann noch von Genanzino ein Hörbuch…. das ist ein Buchstabensalat….
    LG Susanne — komme gut durch den warmen Tag….

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    1. Greta Autor

      Liebe Susanne, inzwischen sind die Schulsachen einigermaßen fertig und weitere Seen besucht und beschwommen… Jetzt haben wir das EM-Finale gesehen und fragen uns, ob Unwetter und Abkühlung kommen werden. Hab einen schönen Sonntagabend und gute Tage! Die Kurzgeschichten speichere ich mal im Hinterkopf ab… Liebe Grüße Greta

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