Gartenfreuden

Mit dem Vierjährigen und dem Achtjährigen habe ich zum Ferienende meinen Vater besucht. Der hat einen richtigen Garten! Wow. Meine Söhne durften in den Sträuchern nach Himbeeren und Johannisbeeren suchen. Reife Samen von einem ins Kraut geschossenen Rettich sammeln, die man vielleicht diesen Sommer noch auf unserem Balkon aussäen kann. Tomaten ernten. Stangenbohnen bewundern und am nächsten Tag essen. Die riesige Zucchinipflanze bestaunen. Schmetterlinge zählen. Und Kirschen pflücken, die mein Vater extra für die Kinder am Baum gelassen hatte. Unten. Aber natürlich war das Pflücken von der hohen Gartenleiter und von der kleinen kaputten Stehleiter aus viiiiiel spannender. Nach kürzester Zeit hatte das Erntefieber auch mich erwischt. Mussten wir eben Marmelade kochen, abends.

Pflanzen, pflücken, sammeln, ernten, einmachen… Das alles mag ich, und vielleicht ist das so, weil mit diesen Tätigkeiten so viele gute Erinnerungen an meine Kindheit verbunden sind: An die Begeisterung meines Vaters für die Blumen am Weg, die Pilze im Wald, die Pflanzen im Garten. An ein steiniges Ufer mit wilden Brombeeren, dass wir im Urlaub vom Ruderboot aus entdeckten und an dem wir so viele Beeren ernteten, dass wir aus den Glascontainern in der Umgebung unseres Ferienhäuschens Gläser zum Marmeladekochen heraussuchen mussten. Und an gemeinsame Stunden mit meiner Mutter, die eigentlich nie Zeit hatte, mit mir zu spielen – die mir aber beim Beerenpflücken Schillers Ballade vom Handschuh aufsagte oder mit mir beim Putzen einer riesigen Schüssel voller Bohnen Sprachspiele machte und der ich – eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit! – beim Abzählen von Lorbeerblättern und Wachholderbeeren und Senfkörnern für die süßsauren Gurken helfen durfte.

Woran werden meine Kinder sich einmal erinnern? An das Hochgefühl beim Angeln nach den Kirschen, während ich unten halb lachend, halb besorgt die Leiter festhalte – oder daran, dass ich sie am Abend mit Argusaugen nach Zecken absuche und trotz Protestgeschrei von Kopf bis Fuß abdusche? An den Moment, in dem wir die dicken Bienen beobachten, die einen kleinen Wald aus blühenden Malven umschwärmen – oder an den, in dem ich kreischend (wie nur eine Großstädterin kreischen kann) einen kleinen Käfer von meiner Schulter wische (gefühlt eine Kreuzung aus Kakerlake und Vogelspinne)?  

Und weitergedacht: Wie wird ihr Verhältnis zur Natur einmal aussehen, die sie im Alltag immer nur in der kümmerlichen Großstadtvariante umgibt? Auf die ich spätestens dann keine Lust mehr habe, wenn rund um Berlin Hubschrauber Pestizide gegen Eichenprozessionsspinner versprühen und vor Ambrosiavorkommen auf größeren Brachflächen gewarnt wird?

Der Vierjährige hat jedenfalls sehr pragmatische Ansichten. Als wir von unserer Reise zurück sind und auf unserem Balkon – wo wir pflanzen und ernten, ja, aber ohne jede Notwendigkeit, uns etwa von den Früchten unserer Arbeit ernähren zu müssen; aus purer Nostalgie, kleinteilig und kontrolliert – entdecken, dass ein Stamm grauer Läuse den Rucola besiedelt hat, meint er: Wir können doch Handwerker holen und die bauen dann eine Mauer da und eine da – er zeigt auf die beiden offenen Seiten des Balkons – und dann können sie die Mauer so dicht machen, dass die Läuse einfach nicht mehr durchkommen.

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8 Gedanken zu „Gartenfreuden

    1. Greta Autor

      Frage mich das oft – weil meine Kinder unter so ganz anderen Bedingungen aufwachsen als ich damals. Oft würde ich ihnen gerne das schenken, was für mich damals schön war… dabei muss man nach dem suchen, was heute unter ganz anderen Umständen schön sein kann.

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    1. Greta Autor

      Oh ja, ein Garten ist schön was schönes. Habe übrigens an der Ostsee Felsenbirnen „in echt“ entdeckt, von denen ich zum ersten Mal auf Deinem Blog gehört bzw. gelesen hatte! Vielleicht pflanz ich nächstes Jahr auf meinem Balkon auch eine an – die Beeren sind ja total lecker!

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    1. Greta Autor

      …obwohl wir viel zu selten da sind. Irgendwann will ich auch einen haben. Aber jetzt würd ich nicht mehr als meine Balkontöpfchen pflegen können, das weiß ich. Ach, ich möchte sieben Leben (oder Klone?) haben für alles, was ich gern tun würde!

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