In Böen acht

Von der Kur heimgekommen bin ich gierig nach Veränderungen. Fenster auf! Der Wind of Change soll mal kräftig durchwehen (vielleicht pustet er dann auch gleich die letzten Motten aus der Küche).

Also lege ich los. Die Wohnung muss natürlich grundausgemistet werden. Ich schleppe alte Medikamente in die Apotheke, werfe alle leeren Plastikflaschen weg (leider haben wir plötzlich keine Trinkflaschen mehr für den nächsten Ausflug, kleiner Kollateralschaden), trage große Beutel mit alten Unterlagen zur Papiertonne und ein Drittel meiner Kochbücher in die Bibliothek, wo die Mitarbeiterinnen ganz runde Augen bekommen, als die Jamie Oliver vom Cover lachen sehen. Nee, nee, stellen Sie das mal nicht ins Verschenkregal. Zeigen Sie doch mal her!

Aus meinem großen Bücherregal ziehe ich – fest zur Minimierung der Bestände entschlossen – einen ganzen Regalmeter Romane und Sachbücher. All die nicht-so-spannenden Bücher mit „Frau“ im Titel, die mir geschenkt wurden, als ich ein Emma-Abo hatte und deshalb allgemein als „an Frauenthemen interessiert“ galt. Allerlei alte Romane. Krimis, die ich nie wieder lesen werde. Kinderbücher, die ich schon verstaubt fand, als ich sie vor vielen Jahren mit guten pädagoischen Absichten vorgelegt bekam. Raus damit. Hinterher ist das Regal immernoch ganz voll. Seltsam.

Dann mache ich erst mal Pause mit dem Ausmisten und setze mich an den Rechner. Wohnprojekte in Berlin! Endlich nicht mehr allein leben, sondern in netter Gemeinschaft, das wäre es doch? Eine Stunde später bin ich hellauf begeistert. Was es da alles gibt! Vom selbstsanierten ehemaligen DDR-Seniorenheim im grünen Vorort bis zu den Planungsunterlagen für ganze neue Kieze in Null- oder Plusenergiebauweise. Von der Alternativgemeinschaft mit gemeinsamer Haushaltskasse bis zur sehnsüchtigen Suche nach ausgebauten und gemeinsam interspirituell zu bewohnenden Dachetagen. Noch eine Stunde später mache ich ganz schnell den Rechner aus und falle erschöpft aufs Bett. Ich habe die Listen mit den Quadratmeterkaltmieten zu den schicken Plusenergieappartements entdeckt (huuuuuui) und festgestellt, dass ich eigentlich keine Lust habe, meine Sonntagnachmittage mit dem Verkauf von Kuchen und dem Werben für Multikulti unter der Lichtenberger Urbevölkerung (mit dubiosen politischen Ansichten) zu verbringen. Also ziehe ich vielleicht doch noch nicht morgen in ein Wohnprojekt. Und übermorgen vielleicht auch noch nicht.

Aber als ein paar Tage später in meinem Unternehmen eine Stelle intern neu zu besetzen ist, denke ich nur ganz kurz nach und bewerbe mich dann einfach mal. Das Ergebnis sind Schlafstörungen. Und Magenkrämpfe. Und der Wunsch, möglichst schnell im nächsten Mauseloch zu verschwinden und nie wieder rauszukommen… während die Rädchen der firmeninternen Bewerbungsbearbeitung sich langsam in Bewegung setzen.

Hilfe! Fenster zu! Wäre ich doch beim Abstauben meiner Regale geblieben!

Das Problem mit echten Veränderungen ist ja irgendwie immer, dass man den Ausgang nicht kennt.

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5 Gedanken zu „In Böen acht

  1. meineschreibblockadeundich

    Liebe Greta,

    wie ich ich dir das nachfühlen kann! Erst der Überschwang der Gefühle und der Schwung beim Entrümpeln (bei mir müssen auch als allererstes immer der Arzneimittelschrank, die Kleiderschränke und das Bücherregal dran glauben) und dann der vorsichtige Rückzug, wenn es um die ganz großen Änderungen geht.

    Aber ein bisschen mehr Raum ist ja für den Anfang schon mal nicht zu verachten ;).
    Herzlichst
    Marie

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  2. Pingback: Ausmisten | schreibblockade

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