Wie im Fluge

Freitagnachmittag. Meine ganz große Schwester ist zu Besuch, wir leihen uns im Treptower Park Kanadier aus und gehen paddeln. Ich bleibe ganz ruhig, als wir mitten unter der S-Bahn-Brücke zwischen einem Ausflugsschiff von rechts und einer riesigen Yacht von links hindurchmanövrieren müssen. Und beinahe fast ruhig, als ein Motorboot kurz danach so dicht an uns vorbeibrummt, dass ich den Kanadier, in dem der Achtjährige und ich sitzen, nur mit Mühe und Not so weit drehen kann, dass uns die Wellen nicht zum kentern bringen. Im nächsten Moment zieht der Achtjährige eine echte Flaschenpost aus dem Wasser. Ohhhh! Auf dem noch fast garnicht durchweichten Zettel steht „Der Gott der Stadt ist besoffen“. Ok, das ist vielleicht ungefähr das, was man von einer Flaschenpost in einer Astra-Bierflasche erwarten kann.

Freitagabend. Der Vierjährige kommt von einer dieser perfekten Motto-Geburtstagsparties nach Hause. Von einer dieser Parties, auf denen die selbstorganisierte Schatzsuche alle Kinder begeistert, das Essen jedem schmeckt und die Geschenke für die Gäste – selbstverständlich sind keine Süßigkeiten dabei – durchweg zum Motto passen. Mir bricht der Schweiß aus. Wie lange habe ich noch Zeit, bis ich diese Vorgabe übertreffen muss? Sollte ich schon mal mit der Planung anfangen?

Samstagmittag. Beim Einkaufen sagt der Vierjährige plötzlich, dass er Zucchini essen mag. Ich staune. Mehr als das! – Denn die einzigen Gemüse, die er in seinem Leben bisher jemals verzehrt hat, sind Erbsen und Möhren. Aber das Wunder geschieht: Er wäscht die Zucchini. Er schneidet die Zucchini. Er schaut beim Kochen zu. Und isst freiwillig eine ganze Scheibe. Wow.

Samstagnachmittag. Trinkflasche, Buddelzeug, Regenjacke und Ball sind verpackt. Der Achtjährige ist unterwegs, ich will mit dem Vierjährigen auf den Wasserspielplatz gehen. Nur noch schnell die Wäsche aufhängen. Ach Mama, sagt der Vierjährige, ich bin so müde, ich ruhe mich kurz aus. Als die Wäsche hängt, schläft er tief und fest. Zwei Stunden später bin ich dann auch zu faul zum Rausgehen. Stattdessen pflanzen wir auf dem Balkon ein paar Erdbeerabsenker ein und zählen nach, wie viele Prunkbohnen wir dieses Jahr geerntet haben.

Sonntagganzfrühammorgen. Ich schlage die Augen auf. Ein Knie liegt auf meiner Hüfte, eine Hand irgendwo auf meinen Rippen. Wann bin ich das letzte Mal so aufgewacht? Keine Zeit für nostalgische Erinnerungen, der Vierjährige, der vor einer halben Stunde zu mir ins Bett gekrochen ist, wird gerade endgültig wach, ganz knochige Knie und Redebedürfnis. Etwas später stelle ich fest, dass er seltsame Frieseln auf den Beinen hat. Eine Zucchiniallergie? Ungeziefer von der Schatzsuche im Wald?

Sonntagmittag. Mit einer Freundin sind wir auf der Domäne Dahlem unterwegs – Picknick auf der Wiese, Spaziergang rund um die Felder. Bio-Eis auf dem Marktplatz. Später zeigt meine Freundin uns ihre beste Brombeerstelle. Dann zurück nach Hause. Überfüllte S-Bahn. Wieso müssen sich gerade jetzt so viele Leute mit ihren IKEA-Einkäufen, sperrigen Trödelmarkt-Schätzen, spuckenden Kleinkindern, staunenden Berlin-Besuchern, Stehleitern, Übersee-Reisekoffern und – äh – Trinkbechern voller Brombeeren in diese Bahn quetschen?

Sonntagspätnachmittag. Ich bereue heftig, dass ich dem Achtjährigen am Freitag erlaubt habe, das Ranzenpacken auf Sonntag zu verschieben. Das T-Shirt für den Sport ist schmutzig, für Englisch muss noch Malen-nach-Zahlen beendet werden, in der Federmappe fehlen mehrere Stifte und im Hausaufgabenheft steht, dass der Achtjährige zum nächsten Schwimmunterricht bitte in einer Badehose erscheinen soll, die nicht rutscht. Au weia. Kann ich bitte vielleicht stattdessen den Heiligen Gral suchen gehen? Es gibt keine Hosen, die an meinem Sohn nicht rutschen… Da müsste ich ihn schon wie Hänsel in einen Käfig stecken und mästen.

Sonntagabend. Wir essen Apfelmus mit Brombeeren, ich mache den fünften Abwasch an diesem Wochenende und hänge die vierte Ladung Wäsche auf. Wir lesen vor, wir spielen noch eine Runde. Später betrachte ich erschöpft meine friedlich schlafenden Söhne.

Jetzt noch zwei Tage ausruhen, das wärs… Dann gehe ich auch gern wieder ins Büro.

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